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Montag, 31. Oktober 2011

Kreativ-Tipps aus der Microsoft Nerd-Garage.

Auf Twitter hatte ich es ja bereits angekündigt: Ich gehe auf Tournee (zumindest ein wenig).

Die kommenden Wochen bin ich immer Dienstags in der Windows 7 - Nerd Garage von Microsoft zu finden, die durch deutsche Universitäten tourt. Dort halte ich Kreativ-Workshops für Studenten und erkläre ihnen, wie sie mit Kreativtechniken ihre Ideenfindung verbessern. Denn viele große Ideen sind in einer Garage geboren worden.

Der Prozess der Kreativität fasziniert mich schon lange. Ich habe darüber immer wieder Posts auf diesem Blog geschrieben und vor zwei Jahren einen langen Artikel zusammen mit Faktor 3 Vorstand Stefan Schraps verfasst.

Um so erstaunter bin ich immer wieder, dass gerade Institutionen, die von Kreativität leben so wenig Zeit darauf verwenden, diesen Prozess zu verstehen und zu optimieren. Das gilt leider sowohl für Agenturen als auch für Universitäten.

Statt Leuten Techniken an die Hand zu geben, die ihre Kreativität inspirieren, werden kreative Prozess oft mystifiziert: In Universitäten wird der Glaube an den einsamen, genialen Schreiberling gepflegt, der in der Bibliothek seiner Textgliederung folgt. Und in Agenturen verschwenden im Glauben an die Kraft von Teamwork und kreativem Chaos lieber Zeit in endlosen "Brainstorming-Meetings" mit "ausdenken" oder rumdenken", statt einem Prozess zu folgen.

Dabei gibt es Kreativ-Techniken für beinahe jede gedankliche Herausforderung. Egal ob man ein Produktidee, eine Werbeidee oder das Thema für die nächste Hausarbeit sucht. Egal ob man alleine oder im Team arbeitet.


Die Hauptsache ist, sich der Fragestellung klar zu sein, zu der man eine Idee sucht. 

Dann kann man mit Kreativ-Techniken prima arbeiten.
Und allein dieses Wiki listet viele Methoden auf,
um die Ideenfindung produktiver zu gestalten: http://www.mycoted.com/Category:Creativity_Techniques

Um so mehr hat mich die Anfrage von Microsoft gefreut, im Rahmen der Windows 7 Roadshow auf ein das Bedürfnis von Studenten einzugehen, sie in Sachen Kreativität zu coachen.

In den 90 Minuten Workshop erkläre ich kurz den Kreativprozess. Ich mache darauf aufmerksam, wie wichtig es ist zunächst möglichst viele Ideen anzustreben und sich nicht zu früh gedanklich zu beschneiden. Im Gegensatz zum Alltag gilt während der Ideenfindung der Grundsatz:
"Ich kümmere mich um Quantität, dann kommt die Qualität von ganz alleine!"


Das lässt sich bei am Beispiel der Filmproduktion am deutlichsten zeigen: Um 90 Minuten Film zu machen, werden oft viele Stunden Material gedreht und verworfen.

Anschließend mache ich deutlich, dass die meisten Ideenblockaden - die berühmte Angst vor dem weißen Blatt  - meist von eigenen Emotionen wie Ehrgeiz, Angst und Stress genährt wird. Und gerade hier helfen Kreativtechniken, die negativen Emotionen der eigenen Kreativität gegenüber zu überwinden. Sie verändern die Aufgabe und zwingen den eigenen Perfektionismus runterzuschrauben.

Natürlich sind sie keine Garantie für eine gute Idee geben. Aber Kreativtechniken erhöhen sie zumindest die Chancen eine Idee zu finden.

Ganz konkret üben wir in dem Workshop drei Techniken, die man mit dem Computer gut umsetzen kann:

1. Technik: Fokus Writing (manchmal auch Brain-Writing genannt)

Fokus Writing hilft einen Eintsieg ins Schreiben zu bekommen. Es ist die direkteste Variante die Angst vor dem weißen Blatt zu überwinden und mutig die ersten Gedanken oder Ideen zu Papier zu bringen.

Und das funktioniert so:
Man öffnet seine Textverarbeitung (wie Word) und blendet die Symbolleisten aus, damit einen nichts vom Schreiben ablenkt. Dann schreibt man für 5min alles auf, was einem zu einer gestellten Fragestellung einfällt auf. Mit dem Ziel den Schreibfluss nicht zu unterbrechen.

Dabei gelten zwei Regeln:

Löschen ist tabu! 
Die Rücktaste darf unter keinen Umständen betätigt werden. Auch nicht, um Wörter zu korrigieren.
Der Hintergrund: Seit der Schule sind wir auf ordentliche Rechtschreibung trainiert. Das führt dazu, dass wir gleichzeitig kreativ sein und ein ordentliches Ergebnis abliefern wollen. Doch Kreativität und Überarbeitung sind zwei getrennte Prozesse. Und leider denken die meisten Menschen deshalb beim Schreiben mehr über die Rechtschreibung nach, als über die Ideen, die sie aufschreiben. Doch selbst ein Text mit sehr vielen Tippfehlern ist schnell korrigiert.

Umherschauen und Pause machen ist verboten. 
Jeder kennt das Phänomen. Sobald einem beim Schreiben für zwanzig Sekunden nicht einfällt, hebt man den Kopf und blickt in der Gegend herum. So als suche man nach jemandem, der einem den nächsten Einfall ins Ohr flüstert. Oder viel schlimmer: Man klickt rüber zu Facebook.

Beides bricht den Fokus. Man möchte nicht weitergehen. Bösartig formuliert hat man entweder Angst vor den Ideen, die kommen könnten oder man ist so selbstzufrieden, dass die Einfälle bis hier hin schon ausreichen. Doch die Erfahrung zeigt, dass die guten Ideen stets nach dem ersten Gefühl von Ideenlosigkeit eintreffen.

Wenn also das Gefühl eintritt, dass einem nichts einfällt, ist es besser drei mal hintereinander zu schreiben "Mir fällt nichts ein" als den Schreibfluss zu unterbrechen. Ich gehe jede Wette ein, dass der Schreibfluss dann wieder einsetzt.

2. Technik: Chat-Storming
Diese typische Brainstorming Situation kennt jeder: Acht Leute sitzen um einen Tisch herum. Doch statt neue Ideen zu finden, wird gestritten. Jeder Teilnehmer hängt an seiner Lieblingsidee und versucht sie zu verteidigen. Die lauten Charaktere (die nicht immer die besten Ideen haben) setzen sich durch, die leisen Charaktere schlucken ihre Gedanken herunter. Nach einer Stunde bricht man das Meeting Ideenlos ab.

Diese Situation lässt sich mit einem einfachen Trick umgehen: Man zwingt die Teilnehmer in ein Chat-Programm (wie den WinLive Messenger). In den Chat dürfen für zehn Minuten nur Antworten/Ideen zu einer zuvor gestellten Frage geschrieben werden. Bewertungen oder Diskussionen sind tabu.

Der Vorteil: Alle Teilnehmer haben die gleiche Lautstärke und kein Gedanke geht im verbalen Stellungskrieg verloren, weil er im Chatprotokoll erhalten bleibt. Und wenn die Chat-IDs anonym vergeben werden, wird sogar der Mut erhöht, sich über Hierarchien hinweg zu setzen.


3. Make an Ad
Eine gute Idee lässt denjenigen, der sie hat, sofort ins Schwärmen kommen. Sie löst hunderte Gedanken aus, wie sie am Besten umzusetzen wäre. Und egal ob Produktidee oder Hausarbeit - schnell geht in der Begeisterung der Blick für das Wesentliche verloren.

Hier kann es helfen, für seine eigene Idee eine klassische Werbeanzeige zu skizzieren.

"Wie würde eine Werbung für meine umgesetzte Idee aussehen?"

Diese Frage zwingt einen dazu  auf begrenztem Raum die Features und Bedürfnisse hervorzuheben, die wirklich wichtig sind.

Und darüber hinaus, steckt in einer solchen Anzeige (z.B. für eine Hausarbeit) auch eine stark motivierende Kraft: Über den Bildschirm gehängt, erinnert sie den Ideen-Umsetzer daran, was er schaffen will.

In den bisherigen Workshops entstanden so spannende Ideen u.a. für das Handy der Zukunft:



[Kleiner Disclaimer: Diese Kreativtechnik führt sich natürlich ad-Absurdum, wenn man die Idee für eine Werbeanzeige sucht...;-) Aber dann gibts andere!] 

Wer jetzt noch mehr Futter zu dem Thema braucht, dem empfehle ich diese drei Bücher:

Donnerstag, 30. Juni 2011

Wie man Ideen, Innovationen, Schönheit und Talente auswählt - Eindrücke von der apg-Open Source 2011

Wie jedes Jahr steht die Jahrestagung des Verbands der Marken- und Kommunikationsstrategen (apg) unter einem Motto. Im letzten Jahr ging es um das Verkaufen. In diesem Jahr drehte sich die Veranstaltung unter dem dem Titel "Eene, meene, muh und raus bist Du – wie Selektion unser Leben, Denken und Handeln bestimmt" um die Auswahlmechanismen für Ideen, Talente, Schönheiten und Innovationen.

Mir hat die Veranstaltung durch den gelungenen Mix an Sprechern wirklich großen Spaß gemacht. Umso trauriger war ich, dass ich an der Bierverkostung (Selektion des Geschmacks) und Abendveranstaltung wegen eines anderen Termins nicht teilnehmen konnte.

Die schnellen Notizen, die ich über den Tag gemacht habe, möchte ich allerdings niemandem vorenthalten.



Thomas Osterkorn, Chefredakteur des stern, hat gezeigt, dass die Auswahl der Titelgeschichte viel mit der Erfahrung und dem Bauchgefühl der Redaktion zu tun hat. Auch wenn die Mafo genau weiß, dass der Stern von Machern, Intellektuellen und Progressiven gelesen wird und man hinterher sehr genau herausfinden kann, warum eine Titelgeschichte nicht funktioniert, bleibt die Prognose eines erfolgreichen Titels immer eine Wette mit vielen Unbekannten.



Zwei eiserne Regeln scheint es trotzdem zu geben:
Angela Merkel auf dem Titel ist die sicherste Verkaufsbremse, so Osterkorn.
Insgesamt hätte man bei Crime/Politik-Themen eine Lesequote von 70%. Aber niemand wolle das auf dem Titel haben, anfassen und mit in den Urlaub nehmen. Für mich heißt das, dass Empathie auch der Schlüssel für einen erfolgreichen Titel ist.

Der Neurobiologe Dr. Björn Brembs (www.twitter.com/brembs) beschäftigt sich mit dem freien Willen - vor allem mit dem freien Wille einer Fliege. Die wird in seinen Experimenten an ein Gestell geklebt und ihre Flugentscheidungen durch Hitze beeinflusst.

Bei dieser Vorstellung ist mir nicht besonders wohl im Magen. Auch bin ich kein großer Fan davon, das Verhalten von Menschen und Fliegen zu vergleichen. Nichtsdestotrotz fand ich Dr. Brembs Vortrag sehr kurzweilig und schon deshalb sympathisch, weil er sein eigenes Fach mit einer gesunden Portion Selbstkritik betrachtet hat.


(Foto von Nina Rieke)

Seine Grundannahme "Könnten wir nicht frei wählen, gäbe es uns nicht" steht im erfrischenden Gegensatz zu einigen Vertreten der Neuro-Science oder des Neuro-Marketings, die mit Gehirnscans den freien Willen zugunsten eines Kauf-Schalters im Kopf abschaffen wollen (Was ich sehr bezweifele. Aber das ist eine andere Geschichte)

Der effektivste Weg den freien Willen zu beeinflussen, liegt so Brembs darin eine Situation zu schaffen, in der die Entscheidungsmöglichkeiten begrenzt sind. Allerdings dürfe die Situation nicht so beschränkend sein, dass es dem Menschen auffällt, dass er keine freie Wahl mehr hat.

Ich musste bei seinen Ausführungen zuerst an Disney-Land denken. Innerhalb des Parks hat man zu jedem Moment das Gefühl frei entscheiden zu können, obwohl die Auswahl von Disney begrenzt wird. Es ist also die freie Entscheidung zwischen vier Restaurants, die alle das Gleiche kosten und dem selben Konzern gehören. Und irgendwie ist ein Apple-Store ganz ähnlich.
Diese Sichtweise hat mich inspiriert, künftig noch intensiver über den POS und die Shopping-Experience nachzudenken als bisher.



Armin Morbach, schillernder Herausgeber des TUSH-Magazins vertrat die gänzlich unwissenschaftliche Meinung, dass eine gelungene Auswahl von Schönheit immer aus dem Bauch komme.



Und dieses Bauchgefühl, so habe ich aus seiner bewegten Lebensgeschichte geschlossen, wird vor allem durch den Mut zu Risiko geschult. In seiner Präsentation zeigte er, wie er es aus der deutschen Provinz ohne Geld in der Tasche nach Miami zu Stylisten schaffte und dann zum Fotografen und Magazin Herausgeber. Künstler wollte er dabei nie sein, denn in "Berlin sei heute jeder Depp ein Künstler".

Die wichtigste Lektion für mich war Armins Antwort auf die Frage woher er seine Inspiration nehme. Inspiration komme für ihn aus der Beobachtung des Alltags und auf keinem Fall aus Fashion Shows. Die seien meist eher Langweilig.
Ich finde diese Bemerkung sehr wichtig, weil gerade in der Werbung ein ungesundes Abschauen bei der Konkurrenz herrscht. Die Inspirationssuche bei Ads of the World führt unweigerlich ebenso zum permanenten Kopieren von Best Practice - wie die Inspirationssuche von Modeschaffenden auf einer Fashion Show.

Einen ganz eigenen Weg Innovationsideen auszuwählen hat Ulf Pillkahn von Siemens vorgestellt. Seiner Meinung nach wählen wir meist Ideen mit den falschen Kriterien aus. Besonders zu starkes Effizienzdenken (Was bringt die Idee? Wie hoch ist der ROI?) führe ganz unterbewusst dazu, dass Unternehmen nur die naheliegen, gewöhnlichen und mittelmässigen Ideen anstreben.



Denn "bei 80% der Ideen ist die Unsicherheit im Verständnis der Idee so groß, dass eine zweifelsfreie Beurteilung nicht möglich ist!"

Deshalb setzt er auf den Faktor Zufall bei der Selektion von Innovationsideen. Nach einer Ideenrunde werden neben bewusst ausgewählten Ideen auch eine Hand voll Ideen weiterverfolgt, die durch ein Zufallsverfahren - das Innovation Roulette - ausgewählt wurden. Und oftmals hätten sich gerade diese Zufallsideen bewährt. Deshalb hat er darüber ein Buch geschrieben, das bald erscheint: www.innovation-roulette.com

Bei Lars Stein, dem Gründer von Studienaktie.org, und Ernst Tanner, dem Sportlicher Leiter TSG 1899 Hoffenheim, ging es um die Auswahl von Talenten aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln. Während der Profi-Fussball eine harte Selektion schon in jungen Jahren trifft und denen, die es nicht zum Profi schaffen auch eine Exit-Strategie bieten muss, will das Modell von Studienaktie.org allen Menschen Bildung ermöglichen, die sich dafür einsetzen.
Das Social Startup bringt über das Internet Menschen, die etwas lernen wollen und Menschen, die in die Lernwilligen investieren wollen, zusammen - unabhängig von Alter und Studienrichtung. Dabei entstünden schon mal lustige Kombinationen, wie der Versicherungsmakler, der eine Kunststudentin unterstützt.

Richtig hart ins Gericht mit der Werbebranche ging Prof. Dr. Björn Bloching von Roland Berger.



Für ihn sei es kein Wunder, dass eine Branche die bei wachsendem Professionalisierungsdruck unterdurchschnittliche Gehälter zahle, wenig Weiterbildung ermögliche, kaum Aufstiegschancen biete, keine Personalpolitik oder Employer Branding betreibe und die Mitarbeiter in operativen Tätigkeiten verheize von Young Potentials zunehmend ausselektiert werde.
Denn die würden heute viel mehr auf Selbstverwirklichung und Work-Life Balance achten als früher. Gerade in Sachen kreativer Selbstverwirklichung böte die Werbung zwar heute unendliche Potentiale, doch die Rahmenbedingungen stimmten nicht.



Viel zu wenig Zeit hatte Russell Davies, Stratege bei Ogilvy & Mather, Blogger und Konferenzveranstalter. Seine Flugzeiten lagen so ungünstig, dass ihm nur wenige Momente blieben, um über die Selektion von Ideen zu sprechen.

In seinem blitzschnellen Vortrag gab er vier Suchfelder an, in denen er in naher Zukunft das Potential bedeutungsvolle Ideen kommen werden:



Der wichtigste Satz für mich stand allerdings auf einer Folie am Ende seines Vortrages. In ihm steckt sowohl die Krise der Kommunikationsbranche als auch eine Idee wo die Kreativität der Agenturen und Strategen in Zeiten des digitalen Umbruchs künftig gebraucht wird:

"Businesses are looking for new things to sell, not new ways to sell" (Russel Davis)

Vom Markenstrategen zum Intangible Value Designer...könnte das die Richtung sein....

Dienstag, 23. Februar 2010

New TV Kongress Hamburg: Tex Avery wäre der ideale Keynote-Speaker gewesen

Ich war gestern beim NewTV Kongress von Hamburg@work. Im Stadium am Millerntor fanden sich Bewegtbild-Manager und Macher ein, um über die Zukunft von TV Angeboten zu diskutieren.

Die Veranstaltung hat Rahul Chakkara eröffnet. Der Leiter Future Media TV Platforms bei der BBC hat in seiner kurzweiligen Keynote verdeutlicht, dass die Fernseh-Branche einem radikalen Wandel gegenübersteht. Dieser Wandel betrifft die Erwartungen der Konsumenten, die Möglichkeiten der Technologie sowie die Produktions und Geschäftsbedingungen der Sender.

(Chakkara spricht bei newTV )

Die BBC sei auf diesen Wandel sehr gut vorbereitet, so Chakkara, da man sich immer früh und intensiv mit neuen Technologien auseinandergesetzt. Schon lange verstehe sich die BBC nicht mehr als TV-Sender sondern als ein Multimedia Unternehmen, das seine Inhalte überall dort anbiete wo der Konsument sie sehen möchte.

Derzeit werde die Zukunft des Fernsehens von drei Bedürfnissen geprägt, auf die die BBC reagiere.

Interaktivität - Die BBC bietet bereits set längerer Zeit interaktive Services und Spiele über den Fernseher.

OnDemand - Die BBC stellt ihre Inhalte für sieben Tage im iPlayer öffentlich bereit, der auch über Spielkonsolen, wie die Wii erreichbar ist.

Content Konvergenz - Die BBC setzt darauf, dass künftig TV-Inhalte so flüssig mit Informationen aus dem Internet angereichert werden, dass der Medienwechsel dem Konsumenten kein Medienwechsel gar nicht mehr bewusst werde.
Entscheidend dafür ist die einfache Bedienung der Set-Top Boxen die TV und Internet zusammenbringen. Deren Benutzerführung wird in England im Rahmen des Project Canvas entwickelt.

Die Möglichkeiten einer solchen Box machte Chakkara an dem eindrucksvollen Click-Dummy deutlich, den sein Kollege Erik Huggers auf der C21 Future Media Conference in London vorgestellt hat:



Die anschließenden Vorträge und Podiumsdiskussion führten die Ansatzpunkte aus Chakkaras Keynote fort: Es wurde spekuliert, welche Technik die notwendige Interaktivität bringe. Es wurde gestritten, wieviel Interaktivität dem Konsumenten zuzutrauen sei. Den eigentlich wolle der nur mit der Fernbedienung auf der Couch sitzen.
Es wurde gerätselt, ob das Fernsehen der Zukunft wie der Apple App-Store funktioniere oder einen offenen Zugang zum Internet bieten würde.
Es wurde orakelt, wann wir den Bildschirm als Kontaktlinse auf dem Auge tragen. Und natürlich blieb die Frage unbeantwortet, wie man mit neuen Bewegtbild-Formaten Geld verdienen kann.

Obwohl die Vorträge und das Panel spannend waren, fühlte ich mich auf die IPTV Konferenz der Financial Times Deutschland zurückversetzt, die ich 2007 im Rahmen der IFA inhaltlich mitbetreut hatte. Viel hat sich die Diskussionen seit damals nicht verändert.

Ich glaube heute sogar, dass die Kernfrage "Wie verändert sich das Fernsehen?" die Falsche ist.

Denn das Fernsehen verändert sich gar nicht so rasant und überraschend, wie es uns Digital-Enthusiasten, Techniker und Trendforscher glauben machen wollen.

Das hätte ein Keynote-Speaker wie Tex Avery deutlich gemacht.
Dummerweise ist Tex Avery 1980 verstorben. Doch der scharfsinnige Kulturbeobachter Avery hat einen Film über die Zukunft des Fernsehens hinterlassen, aus dem sich fast alle aktuellen Entwicklungen, Branchen-Probleme und Konsumentenwünsche ablesen lassen. Es ist kein aufwendiger Klick-Dummy, kein Interface Konzept und keine Trend Studie. Es ist ein Zeichentrick-Film von 1953:



Der Zeichentrickfilm "TV of Tomorrow" macht deutlich das TV-Innovationen seit 1953 entlang der gleichen kulturellen Mustern verlaufen. Der Wandel des Mediums ist von Wünschen und Versprechungen geleitet, die seit Anbeginn des Fernsehens gleich geblieben sind:

  • Wir wünschen uns immer sehen zu können was wir wollen und interessant finden. (onDemand)
  • Wir wünschen, uns am Inhalt beteiligen zu können. (Interaktivität)
  • Wir wünschen, in den Inhalt eintauchen und die Technik zu vergessen zu können (Usability & Immersion).

Sobald neue Technologien auftauchen, die auf einem dieser Gebiete eine Weiterentwicklung ermöglichen, werden auf das Fernsehen angewendet werden.
Das betrifft 3D-Technologien ebenso wie Social Media-Anwendungen oder jede Vereinfachung des Interfaces. Selbst die iPod Steuerung ist in Averys Film zu finden.

Dahinter steht letztlich noch ein viel tief sitzender Wunsch, den wir an jede Flimmerkiste richten: Wir wollen ein perfektes Fenster zur Welt, dass an Natürlichkeit und Informationsfülle nicht zu übertreffen ist.

Und wir halten an diesem Wunsch, diesem Mythos der technischen Machbarkeit, fest, obwohl wir es eigentlich besser wissen: Selbst das Holodeck in Star Trek oder die Matrix, beides letztlich Visionen des pefekten TV, werden früher oder später als unzureichende Illusionen erkannt werden.

Und Avery zeigt uns noch mehr:

Er macht deutlich, wozu der nach Wunsch nach einem persönlichen Programm führt: Jede Person in seinem Zeichentrickfilm besitzt ein personalisertes Device für sein individuelles Zuschauerbedürfnis. Der 1953 als Gag skizzierte Fernseher der Zukunft integriert wie eine APP auf dem iPhone Content und Design zu einem personalisierten Erlebnis.

"DEN KONSUMENTEN", wie er auf dem Podium des NewTV Kongresses besprochen wurde, gibt es bei Avery schon nicht mehr. Er zeigt individuelle Nutzer. Es sind Charaktere, die thematische Vorlieben und Nutzungssituationen teilen. Es sind Menschen, die Avery man durch emphatische Beobachtung zeichnen konnte und nicht durch statistisch verrechnete Verallgemeinerungen.

Vor diesem Hintergrund war die Vorstellung von WildEarth.tv auf dem NewTV Kongress für mich der spannenste Case. Der Live-Stream Sender sendet Tierszenen aus Nationalparks und hat wirklich eine Nische entdeckt. Er hat sich das alte Web-Cam Prinzip zu Nutze gemacht uns bedient konsequent ein Partikularinteresse mit hochauflösenden Aufnahmen. Und WildEarth.Tv hat damit mehr Erfolg als erwartet. Aus der Web-TV Idee soll, so Thorsten Hoffmann von Global Media Consult, ein PayTV Kanal entstehen. Und die etablierten Sender arbeiten bereits daran, die Idee zu kopieren.

Der große Teil der TV Branche hingegen scheint immer noch dem alten Reichweiten Modell verhaftet. Man kann sich noch kein Geschäftsmodell jenseits der gewohnten Größenordnungen von Nutzerreichweite vorstellen - obwohl die Technologie der Partikularisierung nicht mehr im Weg steht und der kulturelle Wunsch nach einem individualisiertem Programm die Richtung klar vorgibt. Sicher wird das Boradcasting nicht verschwinden, denn Live-Events haben eine wichtige soziale Funktion. Sie geben uns ein Thema, um im Büro drüber zu sprechen. Doch alle anderen Inhalte werden sich zwangsläufig in einen Fächer von fragmentierten Nischen aufsplittern.

Als Avery seinen Film machte, gab es hingegen nur Broadcasting. Es gab weder die technischen Möglichkeiten für ein WildEarth.TV noch für seine Visionen. Darin lag 1953 der Witz seines Film. Die Programmauswahl, die Avery beschreibt, beschränkte sich auf ein paar Kanäle - auf denen aber wie heute nur das Gleiche läuft. Selbst auf dem Mars gibt es nur Western.

Und selbst mit dem Abschlusswitz gibt uns Avery eine klare Botschaft mit: Es ist egal wie groß und interaktiv das TV-Angebot der Zukunft sein wird. Nach einer Weile wird es uns bekannt und langweilig erscheinen. Das Fernsehen wird nie perfekt genug sein, um nicht noch segmenierter, noch interaktiver oder noch immersiver werden zu können. Schon allein, damit neue Devices verkauft werden können, muss es sich verändern. Was neu ist ist die Geschwindigkeit mit der sich die Technologie seit der Digitalisierung wandelt.

Dennoch kann man sich vor diesem Hintergrund die Frage sparen, wie sich das Fernsehen der Zukunft verändern wird. Es verändert sich eben. Punkt.

Die viel spannendere Frage ist, was hindert die Branche diese Veränderungen aktiv zu begrüßen und zu gestalten? Was hindert die etablierten Player - ganz gleich wie groß sie sind - jetzt in Forschung, Entwicklung und Experimente zu investieren, solange das alte Geschäftsmodell noch etwas hergibt?

Die Laborgründungen vom UFALab über das Innovationslabor von SinnerSchrader bis zum Formatlabor der Werbeagentur Nordpol sind Schritte in die richtige Richtung. Sie enttarnen vor allem die stete Frage nach einem funktionierenden Geschäftsmodell als Hemmschuh. Denn ohne Experiment und Risiko wird man es nicht finden können.

Donnerstag, 17. September 2009

Scoopcamp - Journalismus im Auswanderermuseum

Ich war heute auf dem Scoopcamp der dpa und hamburg@work. Die Veranstaltung hat mich wirklich inspiriert. Vielen Dank an die Organisatoren und an meine Kollegen von Faktor 3, die Planung und Eventmanagement gewuppt haben.

Der Kongress hat Journalisten und Web2.0 Entwickler zusammengeführt. In Workshops und Podien haben sie diskutiert, welche neuen Möglichkeiten das Web bietet, um Informationen und Geschichten attraktiver zu vermitteln.

Dem Schritt in die Onlinewelt angemessen, fand das Scoopcamp in der Ballin Stadt, dem Hamburger Auswanderermuseum statt. Und zufällig stand an der Wand des Museums sogar das Motto der Veranstaltung: "Haben Sie eine Geschichte?".

Allerdings ist der Artikel längst nicht mehr die einzige Form eine journalistische Story aufzubereiten. Geschichten sind heute auch interaktive Datenreisen. Das hat Adrian Holovarty in seiner Eröffnungskeynote gezeigt.

Der Amerikaner Holovarty bezeichnet sich selber als einen Journalisten, der seine Geschichten über Programmierung erzählt.

Sein Ansatz: Er betrachtet Geschichten nicht als einen abgeschlossenen Text. Für ihn ist eine Story ein Datensatz aus Ortsangaben, Personenangaben, Uhrzeiten etc..
Wenn diese Daten miteinander vernetzt werden, machen sie dem Nutzer nicht nur neue Aspekte eines Themas ersichtlich. Sie lassen sich immer wieder interaktiv zu neuen Geschichten bzw. Nachrichten visualisieren und sortieren.

Die Datenverwaltung macht es sogar möglich, Geschichten nachzugehen, die nur eine Hand voll Leute interessieren. So können Medien den Longtail des Journalismus erschließen.

Hier spricht Adrian über seine Vorstellung des Journalismus:



Am greifbarsten werden seine Ideen jedoch, wenn man durch sein Projekt Everyblock.com surft.



Everyblock.com ermöglicht es den Nutzern, sich Nachrichten (wie Verbrechensmeldungen) nachbarschaftsbezogen anzeigen zu lassen. Dazu zapft die Seite z.B. automatisch veröffentlichte Polizeidaten an.


Die klassischen Zeitungen hingegen sind, so Adrian sinngemäß, gewohnt diese Daten in abgeschlossene Artikel einzukapseln. Die Redaktionen haben noch nicht verstanden, dass es nicht darum geht ihre Inhalte online zu stellen. Erst die computergestütze Vernetzung von Daten und Artikeln schafft Mehrwerte für den Leser/Nutzer/Zuhörer/Zuschauer/ Bürgerjournalisten.

Als ersten Schritt empfiehlt er den Zeitungsmachern, sich von der Vernetzungsfülle bei Wikipedia oder der Internet-Movie Database inspirieren zu lassen. Dort sind alle Beiträge mit weiterführenden Informationen verlinkt. Der nächste Schritt kann dann sein, Daten durch Computerprogramme zu sammeln, damit sie in Infografiken überführt werden, bzw. auf Karten lokalisiert werden können.

Als Beispiel zeigte er die Seite "Faces of the Fallen" der Wahington Post. Hier sind die Schicksale der im Irak gefallenen US Soldaten gesammelt und interaktiv aufbereitet werden. Welchen Informationsgehalt allerdings ein RSS-Feed hat, der sich bei jedem Todesfall aktualisert, ist mir schleierhaft.

Der neue Journalist, so das sein Fazit, sei also kein Schreiber sondern ein Programierer. Er recherchiert nicht mehr. Statt dessen aggregiert er Daten und übt seine redaktionelle Kompetenz aus, indem er entscheidet nach welchen Kriterien die Daten sortiert werden sollen.

Wie dieser neue Journalismus nun im Detail aussieht wurde in den Workshops zu Hyperlokalität, Infografiken und User Generated Content debatiert.

Mich haben zwei Dinge an seinen Ausführungen, den Reaktionen des Publikums und den Gesprächen in den Workshops verwundert:

1. Die Verlagswelt scheint erst 2009 zu erkennen, dass sich Texte im Web verlinken lassen. Bis vor kurzem konnte das Redaktionssystem der dpa keine Links verarbeiten, die länger als 60 Zeichen sind. Das hat der stellvertretende Chefredakteur der dpa zugegeben.

2. Als nicht Journalist verstehe ich die komische Debatte um den Tod des Artikels nicht. Der Artikel wird nicht sterben wird. Er muss sich lediglich als Text öffnen und mit anderen Informationsdarstellungen vernetzen. So wie heute ein Bild zu den meisten Artikeln gehört, sind es morgen Links, Videos sowie interaktive Datenvisualisierungen und Karten.

Wahrscheinlich wird der Artikel sogar in Zukunft wichtiger! Denn erst die redaktionelle Kompetenz des Journalisten, schafft den nötigen Kontext für die Datenvisualisierungen und Lokalisierungen. Das ist wichtig, denn diverse medienwissenschaftliche Forschung weist darauf hin, dass Nutzer Infografiken, Kurven und Landkarten niemals neutral interpretieren können.

Montag, 24. August 2009

Rückblick auf das erste Planning Barcamp

Am vergangenen Freitag fand das erste Hamburger Planning Barcamp in der Miami Ad School statt. Die Idee hatte ich mit einem Freund im Frühjahr entwickelt und mich anschließend neben dem Job in die Organisation geworfen.


Um so gespannter habe ich dem letzten Freitag entgegengefiebert, der ohne die Unterstützung der Veranstaltungspartner nicht stattgefunden hätte. DRAFTFCB hat das Catering übernommen, die Miami Ad School hat kostenfrei einen Raum gestellt und meinem Arbeitgeber Faktor 3 hat mir die nötige Zeit für die Organisation eingeräumt. Vielen Dank dafür!

Das erste Planning Barcamp stand unter dem Motto "Denken dürfen". Vierzehn Planner aus Hamburger Agenturen haben bis in den späten Nachmittag angeregt und über Hierarchieebenen hinweg über Denkfehler, Denkblockaden, Fehlerkultur, Marktforschung, Inspiration und die Agentur der Zukunft diskutiert. Ihr Feedback auf die Veranstaltung war durchweg positiv.

Ich selber habe in meinem kurzen Vortrag gezeigt, wie sich Erfahrungen aus der Kampfkunst Aikido auf das Konfliktmanagement im kreativen Prozess beziehen lassen.

Die Veranstaltung habe ich zusammen mit Martin Klümper auf einem Liveblog dokumentiert. Dort werde ich in den nächsten Tagen auch kurze Videobeiträge von den Teilnehmern einstellen.

Einziger Wermutstropfen des Veranstaltungstages: Einige angemeldete Teilnehmer haben sehr kurzfristig abgesagt. Immerhin haben sich alle persönlich abgemeldet.

Alles in allem hat mir die Organisation des Barcamps großen Spass gemacht. Und ich habe einiges daraus gelernt:

Die Idee, dass jeder Teilnehmer einen Kurzvortrag zum Barcamp mitbringt hat sich bewährt. Sie mag zwar eine Hürde für einige der Teilnehmer gewesen sein, die kurzfristig abgesagt haben. Dennoch haben die Kurzvorträge die Veranstaltung belebt und zu ehrlichen Diskussionen geführt, die auf Konferenzen eigentlich immer ausbleiben.
Allerdings ist mehrfach der Wunsch geäußert worden, dass Thema des Barcamps beim zweiten Mal weniger offen zu gestalten.

Die gewonnenen Erfahrungen lasse ich jetzt erstmal sacken, bevor ich das nächste Barcamp im kommenden Frühjahr angehe. Dann inklusive einer eigenen Mixxt Community.


Freitag, 26. Juni 2009

Das erste Planning-Barcamp in Hamburg

Vor einiger Zeit habe ich mir in den Kopf gesetzt Barcamp zu organisieren, um mit Austausch und Inspiration gegen die allgemeine Rezessionsresignation anzugehen.

Die gute Nachricht: Das Barcamp wird stattfinden - vor allem dank der Unterstützung von DRAFTFCB, der Miami AD School, dem Strategieverband und meinem Arbeitgeber
Faktor 3.

Wer also mit mir unter dem Motto "Denken dürfen" den Kern der planerischen Arbeit durchleuchten will - kann sich jetzt anmelden: www.planning-barcamp.de


Mittwoch, 27. Mai 2009

Print ist das neue Vinyl - Bei Checkdisout "New-Print" diskutierten Blattmacher über Innovationen zwischen Mainstream und Selbstausbeutung.




Über die Krise der Zeitungs- und Zeitschriftenverlage waren sich die Teilnehmer der zweiten Checkdisout- Diskussion im ausverkauften Kunstverein Hamburg schnell einig. Einen Ausweg hatten allerdings auch die fünf erfahrenen Blattmacher auf dem Podium nicht parat. Und so entwickelte sich die Diskussion, die neue Konzepte in der Printbranche beleuchten sollte, eher zu einer kurzweiligen Bestandsaufnahme der aktuellen Lage.

Das derzeitige Aussterben von Zeitschriften Titeln, wie der Vanity Fair,sei vor allem als eine gesunde Bereinigung des Marktes. Es gäbe wenig Grund um Blätter wie Lisa, Lea oder Lara zu trauen, die sich von einander so sehr unterscheiden würden wie Tick Trick und Track, so Lead Award Chef Markus Peichl.

Die großen Verlage seien derzeit vor allem die Opfer ihrer Innovationsmüdigkeit und dem Regime ihrer kurzfristigen Wachstumsorientierung. Um schnell mehr Anzeigenerlöse zu erzielen, hätten sich die Verlage zu lange auf eine „Copy und Paste“ Mentalität verlassen. Erfolgreiche Mainstream-Magazine wurden solange kopiert und in den Markt gedrückt, bis sich der Leser aus Langeweile über ewig gleiche Inhalte abwenden musste.
Doch die Leser lassen sich nicht länger für Dumm verkaufen. Das zeige vor allem der Erfolg von Magazinen wie Neon oder Brandeins. An ihren kommerziellen Erfolg wollte Anfangs niemand so recht glauben, aber es sei ihnen gelungen, eine eigene Leserschaft aufzubauen.

Daher sieht Andreas Böker, ehemaliger Chefredakteur der Marke Max, das Ausbleiben der Anzeigengelder auch als Chance. Die Redaktionen und Verlage müssten sich wieder mehr auf den Leser zu konzentrieren, statt Advertorials zu schreiben und Umgebungen für Anzeigen zu schaffen, so Böker.

Dabei müsse sich auch die Haltung des Journalismus verändern. Kein Leser wolle mehr von oben herab die Welt erklärt bekommen. Daran, so Böker, sind schon die meisten Männertitel inklusive der MAX gescheitert. Blätter wie Landlust oder Intouch würden den Lesern das Gefühl geben mit der Redaktion auf seiner Stufe zu stehen. Die meisten Männertitel hingegen konzentrierten sich darauf ihre Leser zu belehren, welche Krawatte zu welchem Anzug passe.

Woher die Innovationen allerdings kommen sollten, darüber herrschte Ratlosigkeit in der Runde. Zwar gäbe es eine lebendige und inspirierende Indiependent Szene. Doch die meisten der dort veröffentlichten Titel rechneten sich nicht einmal für die Macher selber. Sie seien vor allem Liebhaberprojekte begeisterter Journalisten mit einem Hang zur Selbstausbeutung, so Peichl.

Von diesem Punkt an blieb die Debatte in der Ausweglosigkeit stecken. Denn einerseits, so das Podium, könnten die innovativen Blätter der Indieszene nicht genügend Anzeigen gewinnen um sich zu rechnen. Andereseits sterben die Massenblätter aus, weil sie auch nicht genügend Anzeigen gewinnen können.
Zwar wurden höherer Copypreis und sogar ein öffentlich-rechtlicher Journalismus diskutiert, aber so richtig wollte sich keiner der Panelteilnehmer von dem klassischen Geschäftsmodell lösen.

Leider erst auf dem Heimweg habe ich mich gefragt, ob nicht das größte Problem der Verlagsbranche ist, den Erfolg jedes Magazins an einer wachsenden Reichweite/Quote festzumachen. Statt an einer ständigen Maximierung der Leserschaft festzuhalten, könnte es sich auch für die Verlage lohnen, neben den großen Mainstreamheften, auch feste Nischenpublika mit innovativen Formaten lukrativ zu bespielen. Das wird vor allem dann spannend, wenn sich die Verlage von demographischen Zielgruppen (Frauen, Kinder, Teenager) lösen und themenorientierter entwickeln. Als günstiger Nebeneffekt erhielten dann auch die Anzeigen für die Werbekunden wieder mehr Relevanz, weil sie sicherer ihre Zielgruppe treffen. Und vielleicht wird dann ein Verlagshaus wie Gruner und Jahr sogar zum Print on Demand und Distributionspartner von Indypendent Magazinen.

Trotz aller Probleme wollte aber keiner der Panelteilnehmer den Printjournalismus für Tot erklären. „Print ist das neue Vinyl“, proklamierte Indy-Blattmacher Alain Biber. Er ist fest davon überzeugt, dass sich auch weiterhin Nischen und Enthusiasten finden lassen, die das Erlebnis einer gut gemachten Magazins schätzen - egal ob online oder offline. Dem stimmt auch Alexander Böker zu. Doch er glaubt erst an elektronische Lesegeräte, wenn sie am Strand und in der Badewanne funktionieren und die Gänsehaut einer gutgemachten Fotodoppelseite auslösen können.

Und was die Mainstream-Verlage angeht, schien es mir nach der Debatte so, als könnte man erst auf neue Ideen hoffen, wenn der sich Innovationsdruck sich nicht mehr durch Kosteneinsparung wegrechnen lässt. Leider kann keine Marktforschung der Welt den Erfolg einer Innovation prognostizieren. Da ist Mut gefragt. Die Printbranche muss sich wohl, wie Markus Peichl sagte, auf acht harte Jahre einstellen.

Freitag, 3. April 2009

re:publica: Reden bleibt Reden - Kongressveranstalter über digitale Technologien und Teilnehmererwartungen.

Digitale Technologien beeinflussen auch den Ablauf von Konferenzen. Davon brauchte man auf der re:publica niemanden zu überzeugen. Während auf der Bühne diskutiert wurde, balancierten die Zuhörer ihre Laptops auf den Knien - die Ellbogen eng an die Brust gepresst, um den Nachbarn nicht beim Tippen des nächsten Blogbeitrags zu behindern. Auch in den Pausen wirken große Teile der Teilnehmer mehr in große und kleine Bildschirme als in Gespräche vertieft.

Aber welche Auswirkungen hat der kulturelle Wandel zur permanente Vernetzung auf die Erwartungen und das Erleben von Konferenzen?
Darüber diskutierten die Veranstalter von DLD (Heiko Hebig), transmediale (Steven Covats), c/o pop (Ralph H. Christoph) und der re:publica (Andreas Gebhardt) am zweiten Konferenztag in einem Nebenraum des Friedrichstadtpalasts. Im Zentrum ihrer Debatte standen die Themen Location, Networking, Verbreitung der Konferenzinhalte, neue Diskussionformen sowie digitale Feedbackkanäle.


(Der Konferenzgipfel auf der re:publica)

Location
Einig waren sich Panel-Teilnehmer, dass eine ideale Location heute über ein funktionierendes WLan verfügen muss. Das werde von den Teilnehmern erwartet und ein Ausfall, sei immer der größte Aufreger. Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet die re:publica diese Erkenntnis, mit einem wackeligen Netz und den permanenten Beschwerden darüber, bestätigte.
Gleichzeitig sei es extrem kompliziert für Großveranstaltungen ein funktionierendes Netz aufzubauen. Selbst beim DLD, der, so Hebig, über ein Millionenbudget verfüge, gäbe es immer wieder Komplikationen. Kaum ein Teilnehmer wisse, wie groß die Belastung für ein WLan sei, sobald mehr als 1000 Teilnehmer versuchen darauf zuzugreifen. Zudem seien die schönsten Locations meist nicht für die Anforderungen an den Netzzugriff ausgerichtet. "Der Friedrichstadtpalast hat nicht mal einen eigenen Internetzugang", so Gebhardt von der re:publica. Hier müsse in Zukunft viel von den Betreibern getan werden, um attraktive Konferenzorte zu schaffen. Doch auf ein Hotel, Kongresszentrum oder TV Studio wollte trotzdem keiner der Diskutierenden freiwillig ausweichen. Die Atmosphäre sei schon extrem wichtig, erklärt Hebig. Deshalb habe der DLD die schwere Entscheidung getroffen, trotz des enormen Besucheransturms in der Münchner Innenstadt zu bleiben - auch wenn man deshalb Besucher ablehnen müsse.

Networking

Die Athmosphäre spielt besonders beim Networking eine entscheidende Rolle. Die Qualität einer Konferenz werde mehr durch ihre Besucher bestimmt, als durch Referenten und Technologien, findet Christoph. Sie sei sogar wichtiger als das WLan. "Ohne ein WLan erfahren die Leute, die nicht an der Konferenz teilnehmen, eben langsamer, dass es eine gute Veranstaltung ist. Ohne funktionierendes Networking, kommt beim nächsten Mal keiner mehr", so Christoph.
Aber ein erfolgreiches Networking erfordert ein ganzheitlich durchdachtes Veranstaltungskonzept. Wenn die Räume zum Unterhalten fehlen, erklärt Hebig, gehen die Leute eben ins Cafe um die Ecke. Deshalb sollten Veranstalter gerade die Gänge einer Konferenz intelligent bespielen und Gesprächsanlässe schaffen, die über das Essen hinaus gehen.
Darüber hinaus forderte ein Zuhörer die Veranstalter auf, Networking über die Veranstaltungsgrenzen hinaus zu denken. Gerade im Vorfeld einer großen Veranstaltung, bestehe das starke Bedürfnis mehr über die anderen Teilnehmer zu erfahren, um gemeinsame Termine zu machen. Hier werde das Potential von online vernetzten Communities noch deutlich unterschätzt.

Verbreitung der Konferenzinhalte

Die Konferenzinhalte für ein Webpublikum zu öffnen, hielten alle Panel-Teilnehmer für richtig und wichtig. Allerdings haben sowohl Hebig als auch Covats von der transmediale gemischte Erfahrungen mit Video Live-Streams gemacht. Aufwand, Kosten und Nutzen stünden heute noch nicht im richtigen Verhältnis, so Hebig. Auf einer Musikkonferenz sprechen zudem Urheberrechtsprobleme gegen ein Livestreaming. Sobald Musik im Stream auftauche bewege man sich in einer rechtlich gefährlichen Grauzone, so Christoph.
Angst davor, dass die Veröffentlichung von Inhalten im Web, dazu führen könnte, dass weniger Besucher die Konferenz vor Ort besuchen, haben die Veranstalter nicht. "Solange der virtuelle Handshake noch nicht erfunden ist, werden die Leute kommen, um sich zu treffen und Geschäfte zu machen", so Hebig. Anders sehe die Situation natürlich für kommerzielle Konferenzanbieter wie Management Circle aus. Deren verschulte Seminare muss niemand mehr besuchen, wenn er das Video gesehen hat.

Diskussionsformen und Feedbackkanäle

Podiumsdiskussionen und Vorträge werden auch künftig Konferenzen bestimmen. "Reden wird immer Reden bleiben", machte Covats deutlich. Allerdings habe die Interneterfahrung der Teilnehmer den Wunsch nach schnelleren und demokratischeren Redeformen gestärkt. Man wolle mehr mitreden, statt sich berieseln lassen. Doch sollten Diskussionsformen, die derzeit als besonders cool und interaktiv gelten nicht zum Selbstzweck werden. Weder könne jede Konferenz zum Barcamp werden noch jede Präsentation im Pech Kucha Stil durchgeklickt werden.

Vieles hänge eben vom Kontext und den Teilnehmern ab, meinte Hebig. Ihn hätten besonders zwei Veranstaltungen inspiriert. Zum einen das Geekcamp in Israel, dessen Programm erst vor Ort entwickelt werde. Zum Anderen die Kreativworkshops während des Burning Man, der leider völlig zu unrecht als Nackttanzwoche in der Wüste diffamiert werde.
Aus dem Publikum heraus wurden noch Lightning Talks vorgestellt. Ein Redeformat, bei dem ein einstündiger Slot innerhalb einer Konferenz zur freien Verfügung gestellt wird. In dieser Stunde kann jeder, der sich berufen fühlt, einen fünf minütigen Vortrag halten.

Hebig hat jedoch die Empfehlung ausgesprochen, solche Vorträge im Vorfeld zu scannen. Besonders gefalle Ihm der Arbeitsmodus der amerikanischen SWSX Konferenz. Dort würden die Redner ihr Thema online anmelden. Die Teilnehmer bestimmten dann im Vorfeld der Konferenz über ein Online-Voting, welche Themen sie wirklich hören wollen.
Auf den pointierten Einsatz neuer Redeformate mochte allerdings keiner der Teilnehmer verzichten. Gemeinsam sprachen sie sich sogar dafür aus, auch auf konservativen Veranstaltungen, wie den Münchner Medientagen, den Mut zu beweisen, die gewohnten Abläufe zumindest kurzzeitig zu brechen, um gegen das Einschlafen vorzugehen.

Das gleiche gelte auch für Digitale Technologien und Feedbackkanäle. Richtig eingesetzt können sie die bekannten Diskussionsformen beleben und bereichern. So habe es auf der letzten Transmediale ein Experiment gegeben, Redner aus Afrika via Skype in Diskussionen einzubinden, dass vom Publikum sehr gut angenommen wurde.


(Twitterwall auf der re:publica / Foto:Florian Schroiff auf flickr)

Bei der auf vielen Konferenzen bereits obligatorischen Twitterwall konnten sich die Teilnehmer zu keiner einheitlichen Meinung durchringen. Andreas Gebhardt sieht den direkten Feedbackkanal, den der Microbloggingdienst bietet, als Bereicherung. Das direkte Feedback könne sogar zu einer Podiumshygiene führen, denn Unwissenheit und schlechte Vorbereitung ließen sich nicht mehr kaschieren. Heiko Hebig hingegen betrachtet die Twitterwall skeptischer. Er habe die Erfahrung gemacht, dass sich Referenten von den ungefilterten Zuschauerkommentaren, die auf der Twitterwall erscheinen, verunsichert und sogar gekränkt fühlten. "Die sieht man dann beim nächsten Mal nicht wieder", so Hebig.

Deshalb sei seine Empfehlung, zwischen Podium und Twitterfeedback eine Moderation zu schalten, ähnlich einer TV-Diskussion. Dort werden Zuschauerfragen auch nur gefiltert in die Sendung gereicht. Der zweite Vorteil dabei: Das Publikum konzentriert sich mehr auf die Diskussion, statt die mehr oder minder intelligenten Kommentaren auf der Twitterwall mitzulesen. Andreas Gebhardt hingegen verlangte, dass sich die Referenten dem Veranstaltungsformat und eben auch einer Twitterwall anzupassen hätten. Doch nachdem sich in einer spontanen Befragung des Publikums, die Mehrheit gegen die Zwitscherwand ausgesprochen hatte, kündigte der überraschte re:publica-Veranstalter an, zu überlegen, ob diese Technologie nicht eher ins Foyer als in den Saal gehöre.