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Dienstag, 13. Oktober 2009

Social Media Case: UGLY DANCE WORLDCUP - Interview mit den Machern

Am vergangenen Samstag war ich beim ersten Ugly Dance Worldcup im Hamburger Club Terrace Hill. Ich war live dabei als das Team Neukirchen mit wirklich grauenhaften Moves den ersten Weltmeistertitel holte.


(Die Weltmeister im Häßlichtanzen / Foto: Financial Times Deutschland)

Die Idee für den ungewöhlichen Contest stammt von den Hamburgern Florian Schüppel, Falko Ohlmer, Christian Müller und Björn Willemsen.
Sie haben vor etwa sechs Wochen zum Ugly Dance World Cub auf Youtube aufgerufen und von da an täglich auf ihrem Blog und auf Facebook über die eingehenden Bewerbungen berichtet.


(Aufrufvideo Youtube)

(Blog & Facebook)

So ist aus einer lustigen Idee ein Event entstanden, für das sich Teams aus Frankreich, Bayern und Afghanistan beworben haben.

Und nicht nur das: Die Weltmeisterschaft hat etwa 1400 Fans auf Facebook versammelt und die geballte Medienaufmerksamkeit von der Financial Times bis zu RTL Explosiv auf sich gezogen: Clippings. Mehr Aufmerksamkeit als viele teure Social Media Kampagnen von PR und Werbekampagnen bisher generiert haben.

Grund genug, um die Veranstaltern über ihren Erfolg zu befragen. Schließlich haben Sie die gesamte Promotion ihres Events über Social Media organisiert. Florian Schüppel hat promt auf meine Fragen reagiert und Sie ausführlich beantwortet. Vielen lieben Dank dafür.

Das Interview

Wie seit ihr auf die Idee gekommen?

Das war realtiv einfach das Thema hat sich uns aufgedrängt. Wir mussten lediglich beobachten und handeln. Seit Dekaden tanzen wir selber mit Vergnügen hässlich und haben festgestellt, dass wir mit dieser Leidenschaft nicht alleinen sind. Überall auf der Welt gibt es Mitstreiter, die mit unterirdischen Bewegungen sich und ihre Betrachter begeistern. Wir haben diesen Trend erkannt und beschlossen, dem Einheitsbrei auf den gemeinen Tanzfluren den Krieg zu erklären. Die Welt war einfach bereit für diese Meisterschaft.

Seid ihr ein großes finanzielles Risiko eingegangen, um die Idee umzusetzen?

Da wir mit einfachen aber effektiven Mitteln gearbeitet haben, hielt sich das Risiko in Grenzen. Viele Freunde haben uns unterstützt, ob im Videoschnitt, bei der Webprogrammierung oder an der Kasse beim Event. Vielen Dank an dieser Stelle an alle Supporter. Außerdem haben wir vom Organisationsteam unsere sehr unterschiedlichen Kompetenzen genutzt und das Meiste selber gemacht, was andere unter Umständen ausgelagert hätten (Design, Fotos etc).

Wie lange war eure Vorbereitungszeit, von der Idee bis zur Umsetzung?

Die Idee schwirrt schon seit zwei Jahren in unseren Hinterköpfen. Auf einer Party Anfang des Jahres entstand mal wieder ein spontaner Hässlichtanz-Kreis. Das war sogar im Terrace Hill, dem späteren Veranstaltungsort der Weltmeisterschaft. Aus dieser Bierlaune heraus beschlossen wir, früher oder später die Weltherrschaft übernehmen zu wollen und hielten die Organisation der ersten Weltmeisterschaft im Hässlichtanzen für die optimale Möglichkeit. Wir sind unserem Ziel auf jeden Fall ein Stückchen näher gekommen. Die Bewerbungsphase für die Teams hatte Anfang September, also knapp 6 Wochen vor dem Event, begonnen.

Was habt ihr gemacht, um den Ugly Dance World Cup zu promoten? Wie viel Geld habt ihr für Werbung ausgegeben?

Die Bekanntmachung lief fast ausschliesslich übers Internet. Auf unserer Webseite www.uglydanceworldcup.com waren alle Informationen und die unterhaltsamen Bewerbungsvideos zu finden. Wichtiger jedoch war unsere Facebook Fanpage (www.facebook.com/uglydanceworldcup). Innerhalb einer Woche hatten wir über 500 Fans, darunter auch Journalisten und Blogger...die virale Promowelle rollte unaufhaltsam los. Nach kurzer Zeit wurde aus über 69 Ländern auf unsere Webseite zugegriffen. Gekostet hat das Ganze also eher Nerven als Geld, aber natürlich haben wir auch Flyer, Plakate, Aufkleber und anderen Schnick Schnack produziert.

Wie wichtig war Facebook für den Erfolg des Ugly Dance World Cup?

Siehe oben...Facebook ist momentan die Nummer 1 in Sachen Promotion!

Über euch ist im Vorfeld der Veranstaltung bundesweit in Zeitungen und TV Sendungen berichtet worden. Was glaubt ihr: Wie viele Facebook-Fans habt ihr durch die Berichterstattung gewonnen?

Sehr schwer zu sagen. Wir hatten ja auch schon mehrere hundert Fans bevor auch nur eine Zeile über das Thema berichtet wurde. Das spricht für die Macht des hässlichen Tanzes.

Habt ihr den Kontakt zu Sponsoren gesucht oder haben euch Unternehmen angesprochen, weil sie die Idee gut fanden?

So und so.

Welche Erfahrungen habt ihr mit potentiellen Sponsoren gemacht: Gab es Sponsoring-Angebote, die ihr abgelehnt habt? Warum? Gibt es Unternehmen, mit denen Ihr grundsätzlich nicht zusammenarbeiten würdet? Warum?

Uns ist es wichtig, das in jedem Fall die hässliche Idee im Vordergrund steht und kein Produkt. Potentielle Sponsoren müssen auf jeden Fall zu dem Thema passen und dürfen nur unterschwellig in Erscheinung treten. Es wird also niemals den großen Sparkassen Ugly Dance World Cup geben. Einer unserer netten Sponsoren war zum Beispiel shoesenkel.com, ein neues Label für coole Schnürsenkel made in Germany. Das passt wie die Faust auf's Auge und hat Style, auch wenn die Senkel eigentlich zu schön für hässlich sind...für diesen Satz bekommen wir übrigens kein Geld ;)

Stellt euch vor: Ein Unternehmen wie Nike, hätte den 1. Ugly Dance Worldcup veranstaltet. Hättet ihr die Veranstaltung besucht?

Das kommt ganz klar auf die Umsetzung an. Wenn es nach einer reinen Verkaufsvaranstaltung ausgesehen hätte, sehr wahrscheinlich nicht. Uns ging es in keiner Sekunde um Erlöse, die Veranstaltung kann trotz Sponsoren als unkommerziell bezeichnet werden. Alle Umsätze stecken wir direkt in die Planungen für's nächste Mal. Hätte Nike eine solche Veranstaltung organisiert, wäre es letztlich um Werbung bzw. Geld gegangen. Uns ging und geht es auschließlich um die Idee, an die wir glauben. Wenn man damit auch Geld verdienen kann, dann freuen wir uns natürlich.

Viele Unternehmen und Marken versuchen gerade auf Facebook, Twitter und Co. Fuß zu fassen. Habt ihr einen Rat an die Unternehmen, wie man in Sozialen Netzwerken Fans gewinnt?

Ehrlichkeit, Aktualität und gute Laune durch Selbstironie! Das Wort Krise kann und will keiner mehr hören.

Wird es einen 2. Ugly Dance Worldcup geben?

Unbedingt! Wir haben bereits Anfragen für Vorentscheide aus Australien, Frankreich und England. Außerdem steckt noch deutlich mehr Potential im Ugly Dance, als bisher gesehen. Die Möglichkeiten sind schier undendlich und längst nicht ausgereitzt. Richtig interessant wird es, wenn verschiedene Kulturen aus aller Herrenländer im Hässlichtanz aufeinander treffen.
You say ugly? We say dance!

Freitag, 26. Juni 2009

Das erste Planning-Barcamp in Hamburg

Vor einiger Zeit habe ich mir in den Kopf gesetzt Barcamp zu organisieren, um mit Austausch und Inspiration gegen die allgemeine Rezessionsresignation anzugehen.

Die gute Nachricht: Das Barcamp wird stattfinden - vor allem dank der Unterstützung von DRAFTFCB, der Miami AD School, dem Strategieverband und meinem Arbeitgeber
Faktor 3.

Wer also mit mir unter dem Motto "Denken dürfen" den Kern der planerischen Arbeit durchleuchten will - kann sich jetzt anmelden: www.planning-barcamp.de


Mittwoch, 27. Mai 2009

Print ist das neue Vinyl - Bei Checkdisout "New-Print" diskutierten Blattmacher über Innovationen zwischen Mainstream und Selbstausbeutung.




Über die Krise der Zeitungs- und Zeitschriftenverlage waren sich die Teilnehmer der zweiten Checkdisout- Diskussion im ausverkauften Kunstverein Hamburg schnell einig. Einen Ausweg hatten allerdings auch die fünf erfahrenen Blattmacher auf dem Podium nicht parat. Und so entwickelte sich die Diskussion, die neue Konzepte in der Printbranche beleuchten sollte, eher zu einer kurzweiligen Bestandsaufnahme der aktuellen Lage.

Das derzeitige Aussterben von Zeitschriften Titeln, wie der Vanity Fair,sei vor allem als eine gesunde Bereinigung des Marktes. Es gäbe wenig Grund um Blätter wie Lisa, Lea oder Lara zu trauen, die sich von einander so sehr unterscheiden würden wie Tick Trick und Track, so Lead Award Chef Markus Peichl.

Die großen Verlage seien derzeit vor allem die Opfer ihrer Innovationsmüdigkeit und dem Regime ihrer kurzfristigen Wachstumsorientierung. Um schnell mehr Anzeigenerlöse zu erzielen, hätten sich die Verlage zu lange auf eine „Copy und Paste“ Mentalität verlassen. Erfolgreiche Mainstream-Magazine wurden solange kopiert und in den Markt gedrückt, bis sich der Leser aus Langeweile über ewig gleiche Inhalte abwenden musste.
Doch die Leser lassen sich nicht länger für Dumm verkaufen. Das zeige vor allem der Erfolg von Magazinen wie Neon oder Brandeins. An ihren kommerziellen Erfolg wollte Anfangs niemand so recht glauben, aber es sei ihnen gelungen, eine eigene Leserschaft aufzubauen.

Daher sieht Andreas Böker, ehemaliger Chefredakteur der Marke Max, das Ausbleiben der Anzeigengelder auch als Chance. Die Redaktionen und Verlage müssten sich wieder mehr auf den Leser zu konzentrieren, statt Advertorials zu schreiben und Umgebungen für Anzeigen zu schaffen, so Böker.

Dabei müsse sich auch die Haltung des Journalismus verändern. Kein Leser wolle mehr von oben herab die Welt erklärt bekommen. Daran, so Böker, sind schon die meisten Männertitel inklusive der MAX gescheitert. Blätter wie Landlust oder Intouch würden den Lesern das Gefühl geben mit der Redaktion auf seiner Stufe zu stehen. Die meisten Männertitel hingegen konzentrierten sich darauf ihre Leser zu belehren, welche Krawatte zu welchem Anzug passe.

Woher die Innovationen allerdings kommen sollten, darüber herrschte Ratlosigkeit in der Runde. Zwar gäbe es eine lebendige und inspirierende Indiependent Szene. Doch die meisten der dort veröffentlichten Titel rechneten sich nicht einmal für die Macher selber. Sie seien vor allem Liebhaberprojekte begeisterter Journalisten mit einem Hang zur Selbstausbeutung, so Peichl.

Von diesem Punkt an blieb die Debatte in der Ausweglosigkeit stecken. Denn einerseits, so das Podium, könnten die innovativen Blätter der Indieszene nicht genügend Anzeigen gewinnen um sich zu rechnen. Andereseits sterben die Massenblätter aus, weil sie auch nicht genügend Anzeigen gewinnen können.
Zwar wurden höherer Copypreis und sogar ein öffentlich-rechtlicher Journalismus diskutiert, aber so richtig wollte sich keiner der Panelteilnehmer von dem klassischen Geschäftsmodell lösen.

Leider erst auf dem Heimweg habe ich mich gefragt, ob nicht das größte Problem der Verlagsbranche ist, den Erfolg jedes Magazins an einer wachsenden Reichweite/Quote festzumachen. Statt an einer ständigen Maximierung der Leserschaft festzuhalten, könnte es sich auch für die Verlage lohnen, neben den großen Mainstreamheften, auch feste Nischenpublika mit innovativen Formaten lukrativ zu bespielen. Das wird vor allem dann spannend, wenn sich die Verlage von demographischen Zielgruppen (Frauen, Kinder, Teenager) lösen und themenorientierter entwickeln. Als günstiger Nebeneffekt erhielten dann auch die Anzeigen für die Werbekunden wieder mehr Relevanz, weil sie sicherer ihre Zielgruppe treffen. Und vielleicht wird dann ein Verlagshaus wie Gruner und Jahr sogar zum Print on Demand und Distributionspartner von Indypendent Magazinen.

Trotz aller Probleme wollte aber keiner der Panelteilnehmer den Printjournalismus für Tot erklären. „Print ist das neue Vinyl“, proklamierte Indy-Blattmacher Alain Biber. Er ist fest davon überzeugt, dass sich auch weiterhin Nischen und Enthusiasten finden lassen, die das Erlebnis einer gut gemachten Magazins schätzen - egal ob online oder offline. Dem stimmt auch Alexander Böker zu. Doch er glaubt erst an elektronische Lesegeräte, wenn sie am Strand und in der Badewanne funktionieren und die Gänsehaut einer gutgemachten Fotodoppelseite auslösen können.

Und was die Mainstream-Verlage angeht, schien es mir nach der Debatte so, als könnte man erst auf neue Ideen hoffen, wenn der sich Innovationsdruck sich nicht mehr durch Kosteneinsparung wegrechnen lässt. Leider kann keine Marktforschung der Welt den Erfolg einer Innovation prognostizieren. Da ist Mut gefragt. Die Printbranche muss sich wohl, wie Markus Peichl sagte, auf acht harte Jahre einstellen.

Montag, 6. April 2009

Imobilienzocker auf dem Spielbudenplatz - Initiative LOMU macht mit Serious Gaming auf Gentrifizierung aufmerksam.

Egal ob Schanze, Karoviertel oder St.Pauli - Gerade Szeneviertel verändern sich rasant. Nach Künstlern und Kreativen zieht es die Investoren in die ehemaligen Arbeiterviertel. Die Mietpreise steigen und die gewachsene Infrastruktur wird oft durch Latte Machiatto Buden ersetzt, die zum Wochenende Touristen und Besucher aus wohlhabeneren Viertel begeistern. Die urprünglichen Bewohner fühlen sich nicht nur bedrängt, oft sind sie sogar gezwungen ihr Viertel zu verlassen, weil sie sich ein Leben dort nicht mehr leisten können.

Diesen Wandel, der mit dem Schlagwort Gentrifizierung beschrieben wird, will die Künstlergruppe LOMU mit ihren Gentropoly-Aktionen erlebbar machen.
Dazu haben sie eine übergroße Adaption des Kapitaliskusklassikers Monopoly entwickelt und laden dazu ein, dieses Spiel an öffentlichen Plätzen zu spielen. Am vergangenen Sonntag fand Gentropoly auf dem Spielbudenplatz direkt vor dem TUI Operettenhaus statt.


(Das Gentropoly Spielfeld am Spielbudenplatz)

Vor den neugierigen Augen vieler Touristen, die an diesem Frühlingssonntag über die Reeperbahn flanierten, spielten vier Teams um die Zukunft der Hamburger Szeneviertel. Wie im klassischen Monopoly haben sie zunächst gewürfelt und Straßenzüge erworben. Doch als alle Straßen unter den Spielern verteilt waren, hat ein geheimnisvoller Investor mit Anzug und Melone das Spielfeld betreten. Ausgerüstet mit einem scheinbar unbegrenzten Geldvorrat und lilafarbenen Abrissbirnen, trieb er den Bau teuerer Bürokomplexe voran. Die anderen Spieler müssen sich nun entscheiden, ob sie weiterhin Häuser bauen, ihr Geld lieber in Kulturprojekte investieren, Genossenschaften gründen oder dem Invesotor mit Shoppingmalls und Bürokoplexen Konkurrenz machen.

Die LOMU Aktivisten haben lange über die Regeln ihres "Serious Games" diskutiert. Natürlich stand der Spielspass im Vordergrund, um möglichst viele Leute auf das Thema aufmerksam zu machen. Gleichzeitig macht Gentropoly den Spielern schnell bewußt, dass der Prozess der Gentrifizierung in vielen Grauschattierungen verläuft. Oft genug ist es nämlich das Geld aus Geschäften mit dem Investor, dass die Kulturprojekte der Spieler erst ermöglich. Ganz bewusst sind aber auch einige Bezüge zwischen den Spielregeln und der Realität offen geblieben, die am am Spielfeldrand für Diskussionen sorgten. Zum Beispiel wurde die Frage laut, warum es dem Investor verboten sei, sich an Kulturprojekten zu beteiligen, die ein Viertel auch finanziell aufwerten.

Freitag, 3. April 2009

re:publica: Reden bleibt Reden - Kongressveranstalter über digitale Technologien und Teilnehmererwartungen.

Digitale Technologien beeinflussen auch den Ablauf von Konferenzen. Davon brauchte man auf der re:publica niemanden zu überzeugen. Während auf der Bühne diskutiert wurde, balancierten die Zuhörer ihre Laptops auf den Knien - die Ellbogen eng an die Brust gepresst, um den Nachbarn nicht beim Tippen des nächsten Blogbeitrags zu behindern. Auch in den Pausen wirken große Teile der Teilnehmer mehr in große und kleine Bildschirme als in Gespräche vertieft.

Aber welche Auswirkungen hat der kulturelle Wandel zur permanente Vernetzung auf die Erwartungen und das Erleben von Konferenzen?
Darüber diskutierten die Veranstalter von DLD (Heiko Hebig), transmediale (Steven Covats), c/o pop (Ralph H. Christoph) und der re:publica (Andreas Gebhardt) am zweiten Konferenztag in einem Nebenraum des Friedrichstadtpalasts. Im Zentrum ihrer Debatte standen die Themen Location, Networking, Verbreitung der Konferenzinhalte, neue Diskussionformen sowie digitale Feedbackkanäle.


(Der Konferenzgipfel auf der re:publica)

Location
Einig waren sich Panel-Teilnehmer, dass eine ideale Location heute über ein funktionierendes WLan verfügen muss. Das werde von den Teilnehmern erwartet und ein Ausfall, sei immer der größte Aufreger. Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet die re:publica diese Erkenntnis, mit einem wackeligen Netz und den permanenten Beschwerden darüber, bestätigte.
Gleichzeitig sei es extrem kompliziert für Großveranstaltungen ein funktionierendes Netz aufzubauen. Selbst beim DLD, der, so Hebig, über ein Millionenbudget verfüge, gäbe es immer wieder Komplikationen. Kaum ein Teilnehmer wisse, wie groß die Belastung für ein WLan sei, sobald mehr als 1000 Teilnehmer versuchen darauf zuzugreifen. Zudem seien die schönsten Locations meist nicht für die Anforderungen an den Netzzugriff ausgerichtet. "Der Friedrichstadtpalast hat nicht mal einen eigenen Internetzugang", so Gebhardt von der re:publica. Hier müsse in Zukunft viel von den Betreibern getan werden, um attraktive Konferenzorte zu schaffen. Doch auf ein Hotel, Kongresszentrum oder TV Studio wollte trotzdem keiner der Diskutierenden freiwillig ausweichen. Die Atmosphäre sei schon extrem wichtig, erklärt Hebig. Deshalb habe der DLD die schwere Entscheidung getroffen, trotz des enormen Besucheransturms in der Münchner Innenstadt zu bleiben - auch wenn man deshalb Besucher ablehnen müsse.

Networking

Die Athmosphäre spielt besonders beim Networking eine entscheidende Rolle. Die Qualität einer Konferenz werde mehr durch ihre Besucher bestimmt, als durch Referenten und Technologien, findet Christoph. Sie sei sogar wichtiger als das WLan. "Ohne ein WLan erfahren die Leute, die nicht an der Konferenz teilnehmen, eben langsamer, dass es eine gute Veranstaltung ist. Ohne funktionierendes Networking, kommt beim nächsten Mal keiner mehr", so Christoph.
Aber ein erfolgreiches Networking erfordert ein ganzheitlich durchdachtes Veranstaltungskonzept. Wenn die Räume zum Unterhalten fehlen, erklärt Hebig, gehen die Leute eben ins Cafe um die Ecke. Deshalb sollten Veranstalter gerade die Gänge einer Konferenz intelligent bespielen und Gesprächsanlässe schaffen, die über das Essen hinaus gehen.
Darüber hinaus forderte ein Zuhörer die Veranstalter auf, Networking über die Veranstaltungsgrenzen hinaus zu denken. Gerade im Vorfeld einer großen Veranstaltung, bestehe das starke Bedürfnis mehr über die anderen Teilnehmer zu erfahren, um gemeinsame Termine zu machen. Hier werde das Potential von online vernetzten Communities noch deutlich unterschätzt.

Verbreitung der Konferenzinhalte

Die Konferenzinhalte für ein Webpublikum zu öffnen, hielten alle Panel-Teilnehmer für richtig und wichtig. Allerdings haben sowohl Hebig als auch Covats von der transmediale gemischte Erfahrungen mit Video Live-Streams gemacht. Aufwand, Kosten und Nutzen stünden heute noch nicht im richtigen Verhältnis, so Hebig. Auf einer Musikkonferenz sprechen zudem Urheberrechtsprobleme gegen ein Livestreaming. Sobald Musik im Stream auftauche bewege man sich in einer rechtlich gefährlichen Grauzone, so Christoph.
Angst davor, dass die Veröffentlichung von Inhalten im Web, dazu führen könnte, dass weniger Besucher die Konferenz vor Ort besuchen, haben die Veranstalter nicht. "Solange der virtuelle Handshake noch nicht erfunden ist, werden die Leute kommen, um sich zu treffen und Geschäfte zu machen", so Hebig. Anders sehe die Situation natürlich für kommerzielle Konferenzanbieter wie Management Circle aus. Deren verschulte Seminare muss niemand mehr besuchen, wenn er das Video gesehen hat.

Diskussionsformen und Feedbackkanäle

Podiumsdiskussionen und Vorträge werden auch künftig Konferenzen bestimmen. "Reden wird immer Reden bleiben", machte Covats deutlich. Allerdings habe die Interneterfahrung der Teilnehmer den Wunsch nach schnelleren und demokratischeren Redeformen gestärkt. Man wolle mehr mitreden, statt sich berieseln lassen. Doch sollten Diskussionsformen, die derzeit als besonders cool und interaktiv gelten nicht zum Selbstzweck werden. Weder könne jede Konferenz zum Barcamp werden noch jede Präsentation im Pech Kucha Stil durchgeklickt werden.

Vieles hänge eben vom Kontext und den Teilnehmern ab, meinte Hebig. Ihn hätten besonders zwei Veranstaltungen inspiriert. Zum einen das Geekcamp in Israel, dessen Programm erst vor Ort entwickelt werde. Zum Anderen die Kreativworkshops während des Burning Man, der leider völlig zu unrecht als Nackttanzwoche in der Wüste diffamiert werde.
Aus dem Publikum heraus wurden noch Lightning Talks vorgestellt. Ein Redeformat, bei dem ein einstündiger Slot innerhalb einer Konferenz zur freien Verfügung gestellt wird. In dieser Stunde kann jeder, der sich berufen fühlt, einen fünf minütigen Vortrag halten.

Hebig hat jedoch die Empfehlung ausgesprochen, solche Vorträge im Vorfeld zu scannen. Besonders gefalle Ihm der Arbeitsmodus der amerikanischen SWSX Konferenz. Dort würden die Redner ihr Thema online anmelden. Die Teilnehmer bestimmten dann im Vorfeld der Konferenz über ein Online-Voting, welche Themen sie wirklich hören wollen.
Auf den pointierten Einsatz neuer Redeformate mochte allerdings keiner der Teilnehmer verzichten. Gemeinsam sprachen sie sich sogar dafür aus, auch auf konservativen Veranstaltungen, wie den Münchner Medientagen, den Mut zu beweisen, die gewohnten Abläufe zumindest kurzzeitig zu brechen, um gegen das Einschlafen vorzugehen.

Das gleiche gelte auch für Digitale Technologien und Feedbackkanäle. Richtig eingesetzt können sie die bekannten Diskussionsformen beleben und bereichern. So habe es auf der letzten Transmediale ein Experiment gegeben, Redner aus Afrika via Skype in Diskussionen einzubinden, dass vom Publikum sehr gut angenommen wurde.


(Twitterwall auf der re:publica / Foto:Florian Schroiff auf flickr)

Bei der auf vielen Konferenzen bereits obligatorischen Twitterwall konnten sich die Teilnehmer zu keiner einheitlichen Meinung durchringen. Andreas Gebhardt sieht den direkten Feedbackkanal, den der Microbloggingdienst bietet, als Bereicherung. Das direkte Feedback könne sogar zu einer Podiumshygiene führen, denn Unwissenheit und schlechte Vorbereitung ließen sich nicht mehr kaschieren. Heiko Hebig hingegen betrachtet die Twitterwall skeptischer. Er habe die Erfahrung gemacht, dass sich Referenten von den ungefilterten Zuschauerkommentaren, die auf der Twitterwall erscheinen, verunsichert und sogar gekränkt fühlten. "Die sieht man dann beim nächsten Mal nicht wieder", so Hebig.

Deshalb sei seine Empfehlung, zwischen Podium und Twitterfeedback eine Moderation zu schalten, ähnlich einer TV-Diskussion. Dort werden Zuschauerfragen auch nur gefiltert in die Sendung gereicht. Der zweite Vorteil dabei: Das Publikum konzentriert sich mehr auf die Diskussion, statt die mehr oder minder intelligenten Kommentaren auf der Twitterwall mitzulesen. Andreas Gebhardt hingegen verlangte, dass sich die Referenten dem Veranstaltungsformat und eben auch einer Twitterwall anzupassen hätten. Doch nachdem sich in einer spontanen Befragung des Publikums, die Mehrheit gegen die Zwitscherwand ausgesprochen hatte, kündigte der überraschte re:publica-Veranstalter an, zu überlegen, ob diese Technologie nicht eher ins Foyer als in den Saal gehöre.