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Achtung!! Dieser Blog ist umgezogen. Ab jetzt schreibe ich auf http://growthbystory.de/.

Mittwoch, 28. April 2010

Projekt-Management vs. People-Management: Zwei Softwarekonzepte um ToDo's im Blick zu behalten.

Vor einigen Tagen hatte ich das Vergnügen einen Workshop zum Thema "Ideen bewerten und umsetzen" für die Vertriebsmanschaft von DFDS Seaways Deutschland zu entwickeln und zu moderieren.

(Auf dem Bild: Max Foster, General Manager, DFDS Seaways Germany [untere Reihe, 2. von rechts] und seine Vertriebsmannschaft).

Am Rande der Arbeits-Sessions haben wir auch die Frage gestreift, welche Projekt-Management Software den Umsetzungprozess einer Idee am Besten unterstützt.

Ich glaube, eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Schließlich sollte sich jede Software-Lösung nach den Bedürfnissen eines Unternehmens richten und nicht umgekehrt. Der Wunsch nach einer Projekt-Management Software hingegen wird - meiner Erfahrung nach - immer aus dem gleichen Grund geäußert: Sowohl der Projektleiter als auch die Beteiligten haben Komplikationen bei der Umsetzung von Ideen erlebt und hoffen, diese durch neue Werkzeuge zu lösen.

Dabei gerät oft aus dem Blick, dass bereits viele Komplikationen in der Zusammenarbeit aus missverständlichen Arbeitsanweisungen entstehen. Deshalb möchte ich meine Top 3 der verwirrenden ToDo's vorstellen und dann auf zwei unterschiedliche Software-Konzepte sowie Links zur weiteren Recherche hinweisen.

Die Top 3 der missverständlichen ToDos

1. Das Chef ToDo

Das Chef-Todo besteht meist aus einer weitergeleitete Email von einem Kunden oder Geschäftspartner. Sie wird am Blackberry mit einem kurzen Arbeitsauftrag versehen:

Die schnelle Weiterleitung gibt dem Absender das Gefühl, einen Auftrag erfolgreich deligiert zu haben. Meist wirft eine so vermittelte Handlungsaufforderung jedoch viele Fragen auf, bevor effektiv gehandelt werden kann.
Ohne die Angabe des Projekts oder einer Deadline kann der Empfänger die Priorität dieses ToDo erst bewerten, wenn er die gesamte Email gelesen und richtig interpretiert hat.
Je länger die weitergeleitete Email-Konversation ist, desto höher das Risiko, dass der Empfänger eine falsche Handlungsaufforderung aus dem Text abliest.

2. Das Kuschel-ToDo

Das Kuschel-ToDo tritt meist unter Kollegen auf. Sie möchten die Vergabe einer Aufgabe nicht als Befehlsakt sehen und packen das ToDo in Watte:
Aus diesem Kuschel ToDo wird weder das Projekt, noch die Deadline deutlich. Der Auftragnehmer kann die Priorität nicht abschätzen und wird sprachlich in eine Rolle gedrängt, in der die Ablehnung des ToDo's als Affront gelten muss. Die Folge: Das ToDo wird stillschweigend angenommen, aber allen anderen Aufgaben untergeordnet oder vergessen.

3. Das Gruppen-ToDo
Das Gruppen ToDo ist meist Ergebnis eines Meetings oder eines Flur-Gesprächs. Es beschreibt eine grundsätzliche Willenserklärungen etwas zu tun, benennt aber keinen Verantwortlichen, keine konkrete Aufgabe, oder einen Termin.

Das Gruppen ToDo dient böse gesagt der Selbstberuhigung. Es erweckt den Anschein von Aktivität. Denn ohne eine klare Ergebnisdefinition fällt auch nicht auf, wenn beim rumdenken nichts passiert ist.

Aber wie sieht ein gutes ToDo aus?

Ein gutes ToDo nennt, denke ich, auf einen Blick den Verantwortlichen, die Deadline, das Projekt, die Art der Aufgabe und den Kunden. Zudem sollte es als ToDo klar zu erkennen sein.
Noch immer verläuft die meiste Projektkommunikation per Email. Wer sich mit etwas Diziplin eindeutigen Betreffzeilen widmet, kann bereits die Team-Kommunikation deutlich vereinfachen.

Dabei gilt, dass der Empfänger einer Nachricht stets der Verantwortliche ist. Wer in CC gesetzt wird, muss nicht aktiv werden. Ein weiterer Vorteil ordentlicher Betreffzeilen ist, dass sie die Suche nach Emails enorm erleichten.

Doch selbst wenn jede interne Email perfekt ausgezeichnet ist, stößt der Email-Verkehr bei komplexeren Absprachen schnell an seine Grenzen. Nachrichten zu verschiedensten Themen und Projekten mit Tonnen an Attachments verstopfen zunehmend die Postfächer und Denkkapazitäten jedes Büroarbeiters.
Der daraus erwachsende Stress wird oft als Information Overflow bezeichnet und besorgt beobachtet. Doch für den Internet Guru Clay Shirky, dann gibt es den Overflow nicht. Er ist lediglich eine Folge versagender Informationsfilter.

Und um diese Filter zu stärken und Projektplanung, Kommunikation und Zusammenarbeit zu bündeln, konkurrieren viele Projekt-Management Anwedungen auf dem Markt. Ich habe sie für mich in zwei Kategorien geteilt:

Balken und Milestones: Die klassischen Projekt-Management Anwendungen

Mit Projektmangament Paketen wie MS Project, Merlin oder Basecamp lassen sich die komplexesten Projekte vom Autobahnbau bis zum Raketenstart abbilden.
Darin liegt ihre Stärke und zugleich auch ihre Schwäche. Diese Projektformen sind in meiner Wahrnehmung, eher darauf ausgerichtet, einen Projektmanager bei der Kontrolle des Projektes zu unterstützen. Sie unterstützen seltener die Mitarbeiter in der Planung und Ausführung ihrer Tätigkeiten.

Dieser hierarchische Ansatz aus dem Blickwinkel des Projektleiters zeigt sich in Gant-Diagrammen und Milestones. Er funktioniert wahrscheinlich dann am Besten, wenn alle Mitarbeiter eines Teams an genau einem Projekt unter Leitung eines Projektmanagers arbeiten und schon deshalb die ToDos mit klaren Verantwortlichkeiten versehen sind.

(Projekt-Überblick in Merlin)

Doch sobald Projekte kurzfristiger, kollaborativer und agiler werden, oder Kollegen zwischen mehreren Projekten wechseln müssen (bzw. in anderen Zusammenhängen selber Projektleiter sind) ertrinken alle im adminitrativen Aufwand, den eine solche Anwendung fordert. Aus Zeitnot wird der Projektstand nicht sauber in der Software gepflegt. Die einzelnen ToDo's landen wieder auf handschriftlichen Zetteln, Outlook-Listen oder Post it- Aufklebern am Monitor.

Zwitscher, was zu tun ist. Die agilen People-Management Anwendungen

Der Erfolg von Twitter hat ein neues Konzept von Anwendungen ermöglicht, die auf das Bedürfnis nach agiler Zusammenarbeit ausgerichtet sind.

Diese Anwendungen basieren auf Kurzmitteilungen, die unter den Beteiligten versendet werden. So entsteht ein eindeutiges von externen Emails getrenntes Kommunikationssystem, das dazu zwingt bei allen ToDos die nötigen Angaben zu Projekt und Deadline zu machen.


Den Unterschied zu den klassischen Projekt-Management Anwendungen wie Basecamp beschreibt die Software Staction, die sich stark an Twitter orientiert, sehr treffend:
"Basecamp is about the project, and about the granular nugget of information. Staction is about the aerial view. With Basecamp you’re in the trenches. With Staction, you're in the clouds."
Varianten der Idee von Kommunikation und Zusammenarbeit über Kurzmitteilungen zu koordinieren, bieten auch "Teambox" und "Remember the Milk".

Neu auf dem Markt und noch in der Private Beta Phase ist "TheDeadline" aus Hamburg.

Es folgt einem sehr demokratischen und schnellen Ansatz: Jeder kann an Jeden ein ToDo zuweisen und ebenso einfach seine eigenen ToDos eintragen und verwalten.

Bei the Deadline müssen Projekte und Tätigkeiten nicht umständlich angelegt werden, sondern werden einfach durch Tags markiert. Ein intelligenter Assistent erinnert dann freundlich daran, was noch zu erledigen ist.

Ich denke, gerade Agenturen und kleine Unternehmen können von diesen Lösungen profitieren. Sie machen den sonst üblichen Zuruf von Aufgaben über den Schreibtisch nachvollziehbar und steuerbar. Mich selbst hat "TheDeadline" nach kurzer Zeit abhängig gemacht.

Trotzdem entlastet keine Software einen Projektleiter sich über die Planung im Vorfeld Gedanken zu machen. Einen sehr spannenden Ansatz, um sich die Umsetzung einer Idee zu visualisieren, hatte "The Big Picture". Leider wird das Projekt nicht weiter entwickelt.

Denn ohne Planung führen alle Tools wieder in eine hektische Nachrichtenflut. Immerhin wird diese mit den Kurznachrichtendiensten dann so deutlich am Bildschirm dokumentiert, dass man sich ihr als Problem stellen muss.

Eine schöne Liste mit weiteren PM-Anwendungen gibt es hier.

Freitag, 16. April 2010

Transparenz, Penise, Glaubenskriege, Makerbots und andere Innovationen - Mein Re:publica Tagebuch

Tag 1 - Mittwoch

Die Bloggerkonferenz re:publica ist wie das Internet ein besonderer Raum mit eigenen Regeln. Zum Beispiel schreiben viele Teilnehmer ihren Twitternamen unter unter das Namensschild, das jeder Konferenzbesucher trägt. Ich habe mich dem sofort angeschlossen, nachdem ich diese Situation in der Warteschlange am Eingang erlebt habe.


Eine stämmige Frau mittleren Alters ist auf einen Mann zugestürmt, der in der Schlange stehend sein Notebook auf dem Arm balancierte.
"Hallo GilliBerlin", begrüßte sie ihn und erntete einen überraschten, schüchtern erschreckten Blick. Für eine Sekunde drohte das Notebook zu Boden zu stürzen.
"Ich bins doch - Biggi76 von Twitter. Wir schreiben uns DMs.", führte die Frau ihre Begrüßung fort. Und schon konnte sich ihr Gegenüber an sie erinnern.
"Ach ja, hallo wie gehts?", sagte der Notebook-Balancierer.
"Gut, aber ist eine ziemlich lange Schlange", sagte die Frau.
"Finde ich auch. Deshalb Twittere ich grade noch."
"Super. Freue mich voll deine Tweets zu lesen. Bis nachher".

Damit endete der hybrid-mediale Small Talk. Die Usernamen habe ich verfremdet. Wahrscheinlich gibt es für einen aktiven Twitterer keinen Ort mehr, an dem er nicht potentiell erkannt werden kann. So wie man im Urlaub stets auf einen Bekannten trifft, trifft man nun Follower - die einen in der Schlange überrumpeln. Zugegeben ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Twitterer auf der re:publica treffen ungleich höher als im Urlaub, denn deshalb gibt es die Veranstaltung.

Nichtsdestotrotz: Die Welt ist transparenter geworden mit dem Internet. Und diese Transparenz war auch das große Thema meines ersten Konferenztages.

Evgeny Morozov hat einen kritischen Blick auf diese Transparenz. Er erläuterte in seinem Vortrag, dass nicht nur Revolutionäre von der neuen Offenheit digitaler Kommunikationsmittel profitieren.

Technologien wie Twitter geben Systemgegnern,wie im Iran, zwar ein mächtiges Mittel in die Hand, um Widerstand zu organisieren. Doch man sollte sich nicht von der Freiheitsphantasie blenden lassen, dass ein offenes Internet automatisch zu einer freiheitlichen Gesellschaft führe.
Denn die Offenheit der Kommunikationsnetze mache es autoritären Staaten mit Spionen auf Twitter und Facebook auch leichter Systemgegener zu überwachen, zu identifizieren und die Diskussionen zu manipulieren.

Widerstand ist also durch die neuen Medien nicht weniger gefährlich geworden. Und die aufgezeigten Praktiken der Meinungskontrolle autoritärer Staaten im Social Web hat bei mir auch den sauren Nachgeschmack hinterlassen. Denn schnell können auch Demokratien den Verlockungen des "Social Media Monitorings" aus Sicherheitsaspekten erliegen und ich kann jedem Morozovs spannenden TED-Vortrag zum Thema "Wie das Netz Diktatoren hilft" empfehlen:



Aller notwendigen Kritik zum Trotz: Das Internet kann dazu beitragen, die Arbeit von Regierungen transparenter zu machen. So können Bürger - zumindest in einigermaßen funktionierenden Demokratien - ihre Abgeordneten besser kontrollieren. Das hat David Sasaki in seinem Vortrag gezeigt und verschiedene internationale Webinitativen zur Kontrolle von Regierungen vorgestellt. Man kann sie unter Transparency.globalvoices.com absurfen und bekommt einen guten Eindruck davon, was digitale Demokratie sein kann.

Die Transparenz, die das Internet schafft, ist also weder gut noch schlecht. Sie ist eine Frage der Bewertung.

Das findet auch Journalismus-Professor und Internet-Prediger Jeff Jarvis. In einer unterhaltsamen manchmal klerikalen Keynote hat er uns Deutsche aufgefordert, das Internet nicht nur in Sorge um die "Privatsphäre" zu betrachten, sondern den Wert der Öffentlichkeit wahrzunehmen.

Für ihn als Amerikaner erscheint die deutsche Debatte um den Schutz der Privatssphäre paradox, da sie in einem Land statt findet, in dem es für niemanden ein Problem ist, seine Geschlechtsteile in der öffentlichen Sauna zu zeigen.

Wovor habe man also Angst, fragte er. Natürlich müssten Menschen, die Kontrolle darüber behalten, welche Informationen sie über sich im Netz preisgeben. Doch die Angst, dass ein falsches Foto oder ein schlechter Blogbeitrag die Reputation eines Menschen oder Unternehmens auf ewig beschädigten, teilt er nicht. Das Netz werde uns allen zeigen, so Jarvis, dass niemand perfekt sei. Darüber hinaus sei es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass das Verständnis von Privatsphäre hochgradig kuturell geprägt sei. So habe man z.B. in Schweden keine Bedenken sein Gehalt zu veröffentlichen.

Im Umkehrschluss führt ein überzogenes Sicherheitsdenken sogar dazu, dass der Wert der Öffentlichkeit nicht erkannt wird.
Diesen Wert macht Jarvis mit einer sehr persönlcihen Geschichte deutlich. Nur weil er seinen Protatakrebs und die peinlichen Nebenwirkungen der Behandlung öffentlich gemacht hat, ist er in Kontakt mit Menschen gekommen, die sein Schicksal teilten und hat wertvolle Informationen und Kontakte geschlossen.
Denn das Internet ist für ihn kein Medium. Es ist eine Verbindungsmaschine zwischen Menschen - ein neuer, öffentlicher Kulturraum, an dem man nur teilhaben könne, wenn man etwas von sich preisgibt. Und je mehr Menschen und Regierungen versuchten diesen Raum durch Regeln der Privatsphäre einzuschränken, desto mehr würden sie die wertvollen, kulturschaffenden Verbindungen zwischen Menschen verhindern.

Er gehe das Netz mit großem Optimiusmus an: Für ihn ist der Nutzen der Öffentlichkeit stets höher als der Schutz der Privatsphäre. Denn unter lauter Nackten gibt es keine Geheimnisse mehr. Deshalb ludt er die Zuhörer im Anschluss an seinen Vortrag zu einem gemeinsamen Saunagang in seinem Hotel ein, um über seine Thesen zu diskutieren.

Weitere Zusammenfassung des Vortrags:

Video:

Jeff Jarvis über Privatsphäre im Internet-Zeitalter: Wenn der Penis schrumpft


Bestimmt teilte nicht jeder im Auditorium seinen Optimismus zur Öffentlichkeit. Auch ich hatte einige Male Schwierigkeiten ihm zu folgen. Denn Öffentlichkeit erzeugt - das wissen wir nicht erst seit Foucault - immer auch einen sozialen Anpassungs und Konformitätsdruck.

Das dieses Schwanken zwischen Freiheitseuphorie und Mistrauen normal zu sein scheint, hat Prof. Peter Kruse in seinem Vortrag deutlich gemacht.

In rasender Geschwindigkeit und in beeindruckend animierten Folien präsentierte er das Ergebnis einer Interview-Studie, die er mit Menschen gemacht hat, die das Internet intensiv nutzen.

Dabei hat er herausgefunden, dass sich diese Heavy User unabhängig vom Alter bei gleicher Nutzensintensität in zwei gleichberechtigte Gruppen teilen lassen: Die Digital Visitors nutzen das Netz für ihre Arbeit aber stehen dem Internet und seinem Einfluss auf menschliche Beziehungen eher mistrauisch gegenüber. Ihnen gegenüber stehen die Digital Residents, die das Internet als wichtige Berreicherung ihres beruflichen und privaten Lebens sehen und es gerne in ihren Alltag integrieren.

Da sich diese Positionen nicht durch Fakten über das Internet begründen lassen, entsteht ein Glaubens- oder Wertekonflikt, der die Debatten über das Netz stets polarisiert und den Blick auf die kulturellen Veränderungen durch das Netz verstellt.

Seine Folien:
Für mich war Kruses Vortrag aus drei Gründen das anregenste Erlebnis der re:publica.
  1. Mich haben seine überanimierten Folien misstrauisch gemacht und ich habe mir die Frage gestellt, wie er geprüft hat, ob er mit seinen Interviewfragen nicht das Ergebnis der Studie vordefiniert hat.
  2. Ich habe mir die Frage gestellt, wie diese Glaubenssysteme dem Internet gegenüber entstehen und fortgeschrieben werden. Ob schon mal jemand eine Diskursanalyse unter dieser Prämisse angestrebt hat?
  3. Mir hat Peter Kruses Ausblick auf die Auswirkungen des Internets für die Gesellschaft gezeigt, dass auch er in seinem eigenen Glaubenssystem gefangen bleibt. Denn in meiner Interpretation schwingt in jeder seiner Formulierung die Sichtweise eines Digital Residents mit.
Vor allem sein Hinweis auf die über das Netz organiserten Studentenproteste im letzten Jahr, ist ein deutliches Statement, das auch er an die Kraft der neuen digitalen Öffentlichkeit glaubt.

Die Grenzbereiche dieser digitaler Publizität kennt die Feministin und Bloggerin Melissa Gira Grant. In ihrem Vortrag berichtete sie über die versteckten Orte und Praktiken, mit denen Menschen sich jenseits der unzähligen Porno-Portale mit ihrer Sexualität beschäftigen. Die neue Öffentlichkeit des Netzes helfe Phantasien zu erforschen und Gleichgesinnte zu finden.

Unübersehbar wurde die digitale Öffentlichkeit als sie live auf der Bühne die Chatplattform Chat-Roulette ausprobierte, die zufällig zwei beliebige Webcams verknüpft.

Plötzlich sah sich das Auditorium der Nahaufnahme eines maturbierendes männliches Genitals ausgesetzt. Grant reagierte gelassen und fragte den anonymen Exhibitionisten, ob auch ihre Freunde der Streichelei zusehen dürften. Der unbekannte Mann, dessen Gesicht man nie sah, erteilte promt seine Erlaubnis. Grant drehte ihren Laptop zum applaudierenden Auditorium. Konfrontiert mit 500 Zuschauern versagte dem Mann sofort Erregung und er schaltete seine Webcam aus. Öffentlichkeit wirkt eben immer in beide Richtungen.




2. Tag - Donnerstag

Mein zweiter Tag drehte sich um das Thema Innovation. Nicht nur in den Vorträgen wurde diskutiert, wie neue Ideen entstehen und umgesetzt werden.
In einer spannenden Mittagspause habe ich mit Steffen Stäuber, Tim Keil und anderen Digital Strategen angeregt diskutiert, wie sich Agenturen künftig aufstellen müssen, um ohne Management-Overhead flexibler und jenseits von Standard-Lösungen agieren zu können.
Einig waren wir uns alle, das Agenturen auf eigenes Risiko mehr in Vorleistung gehen müssen. Bevor eine Agentur einem Kunden erklärt kann, wie das Web sein Geschäft verändert, sollte sie sich selber verändert und der neuen Welt angepasst haben. Das bedeutet für mich die Förderung von Forschung und Entwicklung und die gleichberechtigte Zusammenführung von Designern, Grafikern und Technikern.

Ein Gedanke, den auch Tim Leberecht von Frog Design in seiner Session aufgriff. Innovationen werden, seiner Meinung nach, von der Angst getrieben, morgen sein Geschäftsmodell zu verlieren. Und in einer immer komplexer werdenden Welt, kann man dieser Angst nur mit einem interdisziplinären Team entgegen treten. Diese Team muss gewillt sein mit seiner Arbeit Bedeutung zu schaffen.

Das sei die genuine Kernkompetenz von Designern, die aus der Nähe zum Menschen heraus neue Lösungen schaffen, die Bedeutung entfalten, weil sie bequem, sozial, unterhaltsam oder transzendent sind.

Wie wichtig ganzheitliche Innovationen für Unternehmen künftig werden, zeigte Bre Pettis .
Er stellte seinen Makerbot vor - einen 3D Drucker für unter 1000€.

Mit ihm lassen sich 3D-Model aus dem Internet herunter laden und als Plastik-Objekt ausdrucken. Noch hat die Maschine enge Grenzen und kann nur kleine Objekte ausdrucken, wie eine Trillerpfeife oder ein Ehering.



Doch in Anbetracht der Geschwindigkeit von technologischen Entwicklungen, sollten alle produzierenden Unternehmen im Auge behalten, wie sich ihr Geschäftsmodell ändert - wenn die Digitalisierung Geschirr, Turnschuhe sogar Autos erfasst.

Donnerstag, 1. April 2010

Rettet unser Zweites... | Fernsehen der Zukunft

Am vergangenen Dienstag hatte ich das Glück an einem sehr spannenden Workshop zur Zukunft des Fernsehens teilzunehmen.

Willms Buhse (@ahoibrause) und Jörn Hendrik Ast (@jormason) von doubleYuu haben eine Hand voll Digital Natives aus den Reihen der DNA-Digital Initiative und mich eingeladen um zusammen mit Martin Fisch, aus der Abteilung "Digitale Strategien" des ZDF zu diskutieren, wie sich unsere TV-Gewohnheiten verändern.

Mit dem Workshop hat sich die Gruppe auf ein Treffen mit dem Management des ZDF am kommenden Donnerstag vorbereitet, an dem ich per Skype teilnehmen möchte.



In zwei Arbeitsrunden haben wir in Kleingruppen versucht, ganz unrepräsentativ unsere persönliche Wahrnehmung des Fernsehens und natürlich des ZDF aufzuzeichen. Manuel Schmutte (@schmutte), Daniel Harbeck (@dharbeck) und ich haben dabei diese kreativ wirkende Flipchart gestaltet.


Der iPhone-Kamera sei Dank, dass man nicht mehr lesen kann. Aber die wichtigsten Punkte unserer Diskussion gliederten sich in vier Cluster:

1. So glotz ich heute.

Wir haben festgestellt, dass wir Fernsehsender ( und ganz besonders das ZDF) gar nicht mehr als Sender wahrnehmen. Eigentlich verknüpfen wir nur noch einzelne Programminseln mit dem Kanal, so wie Wetten Dass?, Terra X oder die Mainzelmännchen.
Insgesamt fanden wir unseren Konsum recht selektiv und mit einem starken Wunsch ausgestattet, unsere Lieblingssendungen auf Abruf sehen zu können.
On Demand, wie man im TV Geschäft sagt.

2. Warum on-demand

Der Wunsch nach mehr On-Demand Fernsehen kam nicht auf, weil Daniel und Manuel aus Versehen ein Maxdome-Abo abgeschlossen haben. (Sorry, das muss an die Öffentlichkeit).
Hauptgrund für uns ist gewesen, dass wir nicht auf die neuen Folgen der amerikanischen Lieblingsserie ein Jahr warten wollen, um sie dann meist schlecht synchronisiert nachts im Programm zu suchen. Vor dem Internet ist einem das komischerweise nicht aufgefallen. Man wusste schlicht nicht, was in Amerika lief. Heute zwingt das Wissen über gute Serien den begeisterten Fan quasi die Illegalität bei Kino.to. Unser Hoffnungsschimmer: Vielleicht kauft man Serien irgendwann direkt beim Produzenten.

3. Tendenz - Wohin gehts.

Die Tendenz der Medienentwicklung haben wir mit dem Satz "Ein Screen ist ein Screen" zusammengefasst.
Wir möchten selbst entscheiden, was auf dem Bildschirmen sehen ist. Und so sind wir darauf gekommen das Fernsehen mit "iTunes" zu vergleichen. Mit dem Apple Musikprogramm kann man seine eigenen Playlists erstellen, aber auch linear ausgestrahle (Radio-)Streams hören oder die Auswahl an Titel in Genius-Modus von einem Rechner bestimmen lassen. Warum sollte der Fernseher der Zukunft das nicht auch können.

Am Ende waren wir uns einig, dass es gar nicht so sehr um den Inhalt geht, sondern vielmehr um das Erlebnis mit dem Inhalt.

Je nachdem welches Erlebnis ich anstrebe, möchte ich mich entweder voll auf einen Film konzentrieren oder parallel mit Freunden twittern oder surfen. Dabei ist Social Media beim Fernsehen eine virtuelle Erweiterung des 'zusammen-vor-der-Glotze-sitzens'. Wenn Männer bei Pizza und Bier Rambo sehen, spielt Sylvester Stallone auch eine untergeordnete Rolle. Er ist nicht mehr Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern das Lagerfeuer. Er gibt den Grund sich um die Flimmerkiste zu scharen. Es geht also gar nicht darum, ob man Fernsehen jetzt aktiv oder Passiv konsumiert und was besser ist. Man swiched einfach im Grad der Partizipation hin und her, so wie man sich in eine Unterhaltung einklingt oder ausklinkt.

4. Warum ist das so?

Der fließende Wechsel zwischen lean forward und lean backward ist bei mir jedenfalle eine aktive, wenn auch manchmal unbewusste Entscheidung. Sie ist abhäng davon, was er erleben möchte. Und vom Erlebnisinteresse leitet sich auch die Relevanz eines Inhaltes ab.
Denn ich denke ein Inhalt ist nicht per se relevant. Er ist nur so wichtig, wie ein Zuschauer ihn empfindet, aufgrund seiner individuellen Ansprüche.

Deshalb kann es einen Sender (wie das ZDF) schnell enttäuschen, wenn er Sendungen von der hohen Quote abgeleitet für relevant erklärt, auf Facebook bringt. Denn Relevanz kann man einem Inhalt in vielen verschiedenen Graduierungen verleihen. Und selbst wenn viele Menschen die Sendung am Samstag abend sehen und unterhaltend finden, müssen noch nicht alle automatisch "Wetten Dass?" für persönlich so relevant halten, um sich auf einer Facebook-Seite zu engagieren.

(In einem anderen Post habe ich darüber geschrieben, wie wenig Kinobesucher zu Facebook-fans geworden sind: hier weiterlesen)

Und eben weil man nicht von der Quote direkt auf die soziale Relevanz (also das Bedürfnis sich mit einem Inhalt weiter und vor allem in Social Media auseinanderzusetzen ) schießen kann - ist der Sender gezwungen so viel wie möglich auszuprobieren. Wenn es zu vielen Sendungen Social Media Verlängerungen gibt, wird man schnell feststellen, welche Sendungen die größte Fan Relevanz haben.

Doch um Neues auszuprobieren, braucht man vor allem Ideen.Von denen sollen möglichst viele in dem kommenden Management-Treffen diskutiert werden. Deshalb ist aus dem Workshop heraus eine Facebook-Seite entstanden, auf der jeder seine Wünsche an das ZDF richten kann. Sie heißt: Rettet unser Zweites. Und jeder ist eingeladen mitzumachen.